Glasluster für elektr. Licht von Arch. Leopold Bauer.
Beleuchtungskörper von
Architekt Max Benirschke.
Die freundlichen Hausgötter der Gastlichkeit und Geselligkeit pflegen nicht in Räumen zu wohnen, wo die Persönlichkeit sich im Widerspruch zur häuslichen Umgebung befindet und wo selbst die Inwohner Fremdlinge sind. Fremdlinge im eigenen Heim. An einem Herde ist nicht gut rasten, wo unaufhörliche Dissonanzen herrschen. Die Talmi-Eleganz unserer bürgerlichen Wohnungen, die unter der Devise »Schmücke dein Heim!« stehen, all die billige Effekthascherei, all der anscheinende Komfort, der keiner ist, weil er nur des Scheines wegen da ist, und nur Plage macht, ohne für etwas gut und nützlich zu sein, mit einem Wort: das Großtun, das ist die unaufhörliche Dissonanz. Wer mit feiner Witterung begabt ist, spürt das schon an der Türschwelle. Und all die Nichtigkeiten, die nur da sind, um über den wahren Zustand zu täuschen, werden zu den schreiendsten Anklägern. Kann man wirklich von dem »Geist« oder »Charakter« solcher Wohnräume auf das Wesen der Menschen zurückschliessen und den einzelnen verantwortlich machen? Man bedenke: ein Zahnarzt glaubt es sich schuldig, einen Empfangssalon à la Louis XV. zu besitzen. Die Sache muss möglichst billig sein, darum ist auch das Schlechteste gut genug. Aber immerhin, man sieht doch, dass man auch wer ist! Vor einem ernsten Urteil wird der Zahnarzt kaum als geschmackvoller oder auch nur als gebildeter Mann bestehen. Aber seine Entschuldigung ist, dass es den Leuten gefällt, und die Masse gibt Richtung. Im Grossen wie im Kleinen. Sie macht die Mode. Und sei diese noch so absurd, ihrer suggestiven Kraft wird sich der Einzelne, der Durchschnittliche, kaum entziehen. Man spricht vom Zeitstil und von Kulturströmung, die eine Epoche charakterisiert. Der Einzelne folgt dann seinem Herdeninstinkt. So mag man, wenn man nachsichtig sein will, den ganzen Skandal von Lüge und Täuschung, von schäbiger Eleganz und erlogener Vornehmheit, der in Geschmackdingen seit gut dreissig Jahren herrscht, jener unpersönlichen Abstraktion, die man Zeitgeist nennt, zuschreiben.
Aber schließlich müssen es doch wieder die Einzelnen sein, die eine Wendung anbahnen. Im richtigen Verstande müsste der marktschreierische Imperativ »Schmücke dein Heim«! einen Widerwillen erzeugen, der zum tüchtigen Kehraus führt. Die Schmucklosigkeit wäre zunächst der grösste Schmuck, die Befreiung von dem angepriesenen putzmachenden Tand. Man brauchte nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende, echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem Gedeihen zu gewinnen, und eine Revolution ist eingeleitet. Zuerst würden die schweren, verdunkelnden Stoffgardinen fallen, um wieder Licht und Luft in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müssten den echten Blumen, so wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makartsche Atelierstil Mode wurde, unsere Blumen verdrängt haben. So nun aber das clair-obscur jener romantischen Rembrandt-Stimmung vor der Tageshelle gewichen ist, entpuppt sich die Lächerlichkeit des Stimmung machenden Krimskrams an den Gesimsen, all der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können, der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die sich als dürftiger Gschnas vor dem hellen Tage schämen, als nicht minder die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nur sehen darf man ihn nicht!
Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich, und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet- und nagelfest ist. Vom Hundertsten käme man ins Tausendste. Vom Fenster zu den Wänden und den Bildern, und von diesen zu den Möbeln, bis ins Kleinste herab. Es ist fast unabweislich, in allen Einzelheiten des Wohnraumes die neue Wohnungsästhetik zu erhärten. Der Ausgangspunkt dieser neuen Ästhetik aber ist, dass wir allen sogenannten Luxus aus unseren Häusern fortschaffen und zur Aufrichtigkeit und Einfachheit zurückkehren, wenn wir wollen, dass die Kunst wieder im Hause beginne. Epochen mit hochentwickelter volkstümlicher Kultur haben gezeigt, daß die Kunst immer vom Hause ausgeht und von hier aus auch das äußere Leben ergreift. Darum muß unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir nicht die goldene Regel verletzen, die uns William Morris gegeben: »Behalten Sie nichts in ihrem Heim, wovon Sie nicht wissen, daß es nützlich ist, wovon Sie nicht glauben, daß es schön ist!«
Die obere Partie einer Sitzecke mit elektrischen
Beleuchtungskörpern von Arch. Max Benirschke.