Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit— der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.
Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten, allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder fröhlich sein können.—
Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen, die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen durch die Frage:
"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"
Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.
Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen, dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.
"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt:
"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte, dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?
"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker, großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind, betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht."
"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat es ergriffen, auf den Arm gehoben und—in den tiefen Rhein hinein geworfen und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"—