Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi zusammentraf.
Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten, so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.
Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen.
Der Moosbauer würde den fleißigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und ging fort.
Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum, die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig genug entgegenschaute.
Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde so auch mit der lahmen Alten bekannt.
Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb er mit demselben zufrieden.
"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion? Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal einen guten Tag machst!"
Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.
Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus, weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte.