Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.

Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine einzige erwähnt werden soll.

Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.

In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden, um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.

Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen, wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.

Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden, priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich die absolute Trennung der Verbrecher unter sich, mehr oder minder vollkommen beseitiget worden wäre.

In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt in Widerspruch gerathen.

Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus sich ergeben.

Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der Abschreckung in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß, weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande bringen.

Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die Sühne auf das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt, was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist, desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört. Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern und Schlechten gleich zu werden.