Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte dieser Geschichten bilden.

Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.

Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling 1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.

Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte.

Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes, doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete.

Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode, sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in Europa und—keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger, glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.

Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte, gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern, einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der Revolution stürzte.

Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts deren einzige Idole zu sein pflegen.

Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer 1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch ganz anderer und schwererer Opfer würdig.

Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu aufgefordert worden,—aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht sonderlich gefiele.