Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen, der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.
Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer, Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle.
Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden, mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld, welches sie sich am eigenen Leibe absparte.
Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus freiem Willen.
Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit ihren Leib durchwühle.
Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde verpflegt zu werden.
Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott zurückgeführt wurde.
Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus, ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen, welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte, zusteckte.
Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.
Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den verlassenen Hannesle zu trüben vermochte.