Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.
Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei ergriffen und daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von welcher die Gesetze nichts wissen wollen.
Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt hatte.
Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten" Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er die Leiden des Kerkers.
Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel" oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich von "unsere Lait" kreuzigen ließ.
So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.
Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten:
"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche, spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du Tropf!"
"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, [">[hab' ich dem Herrn Ebbes gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!"
Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck verschafft hätte.