Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner, jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!
Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug. Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25 empfangen.
Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war, fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt, dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört, einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen, hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie hinausgeworfen.
Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h. in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.
Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen, ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23 Tage bleiben.
Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten, ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.
Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir. Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte, weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und arbeitete.
Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan—ich hing mich einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und Gottesvertrauen ein.
Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.
Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam, doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei. Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.