Sehr früh kommen einige Bauern zum Altare, um bei der Verzierung des Kreuzes zu helfen, alle bewundern die herrlichen Birklein, der Cyriak kommt aber auch dazu und sagt:

"Diesen Vier hab' ichs gestern Abend spät noch vermacht, daß sie heute da gesehen werden! ... Am Werktag sind sie nicht geholt worden und diesen Morgen auch nicht! ... wer die geholt hat, muß gesalzen werden! ich bring ihn heraus, gebt Acht, 's wird theure Maien geben!" brummt er zum Xaver, betrachtet ärgerlich die schönen Bäumlein und macht eine Faust.

"Sie stehen besser hier, als in deinem Revier!" lacht der Xaver.

"Heut' sind die Birklein noch schöner als gestern, gelt Cyriak?" scherzt der alte Liebhardt.

"Sollen auch schön Geld kosten, ich bringe den Buben heraus!" versichert der Cyriak und geht mit starken Schritten das Dorf hinauf.

Die Ehre der Mädchen war in den Augen aller Einheimischen und Fremden durch die Verzierungen und durch die vier prächtigen Birklein herrlich gerettet, dafür wurde auch der Benedict von den Mädchen schier in den Himmel erhoben und erklärt, er allein sei treu gegen Gott und Menschen, er verdiene, daß sie ihn zeitlebens auf den Händen trügen.

Das Wunderbarste bei der Sache blieb, daß kein Mädchen den Waldfrevler verrieth. Um Mittag wurde das Vefele, das heute Nacht bei demselben gefensterlet, von ihrem Vater, dem Cyriak, ins strengste Verhör genommen, doch sie weiß nichts und ihr Bruder, der Mathes, versichert, er wisse auch nicht, wer die Birklein geholt, wenn ihn der Vater auch mit dem Waldbeil vor das Hirn schlüge. Wie ein Feuerreiter eilt der Cyriak von Haus zu Haus, von Mädchen zu Mädchen, doch die Birklein blieben abgehauen und—was keine Erdichtung, sondern blanke Thatsache ist und ein Licht auf die angebliche Schwatzhaftigkeit der Mädchen wirft—der Benedict unverrathen, mindestens für das laufende Jahr.

Vom Max und dessen Anhange mußte er dagegen Spottreden genug hören, doch kümmerte er sich wenig um diese "neumodische Schwitt", wie der Max mit seinen Kameraden hießen, welche auch allgemach an Werktagen und am Sonntag unter dem Gottesdienst im Wirthshause zu sehen waren. Liberalseinsollende Zeitungen und böse Bücher übten wohl nur Einfluß auf diese Bursche, weil Aufklärer in jedem Wirthshause saßen; sie selbst waren keine großen Freunde vom Kopfzerbrechen und Lesen und ihre Weisheit floß in einem unter dem Landvolke allmälig weit verbreiteten Sprichwörtlein zusammen, welches heißt: Predigen und Büchermachen ist das Handwerk der Pfaffen und G'studirten! Woher solches Sprichwort stamme und welche Leute es am liebsten im Munde führten, darauf sah die "neumodische Schwitt" nicht, sondern schloß mit ihrem gesunden Bauernverstande ruhig weiter: "Ist der Pfaff ein Handwerker, so ist die Kirche seine Werkstätte, Gottesdienst und Predigt aber sind Stücke seiner Arbeit. Bei jedem Handwerker hat man die Auswahl unter seinen Arbeiten, daher wählt man aus der Predigt gerade das, was Einem am besten gefällt und gefällt Einem nichts (was bei steigender Aufklärung bald der Fall sein muß), nun, dann läßt man dem Pfaffen seine ganze Arbeit und geht am Ende gar nicht mehr in die Werkstätte desselben!"

Die Eltern der "neumodischen Schwitt" sammt den meisten bejahrtern Einwohnern betrachteten die Kirche als das Haus Gottes, den Geistlichen als Diener Gottes, thaten, wie ihre Urahnen, hielten Sonn- und Feiertage heilig, beteten zu Hause, in der Kirche, im Felde bei Prozessionen und Bittgängen, zierten das Kreuz vor dem Dorfe und schliefen nicht ein, wenn der Benedict Legenden erzählte. Sie waren der Religion treu geblieben; Protestanten, welche über die Jungfrau Maria, die Heiligen, die Ohrenbeichte, das Abendmahl, die Ehelosigkeit des Pfarrers witzelten, gab es keine und dies aus dem einfachen Grunde, weil es überhaupt im Dörflein des Benedict und in der Umgegend weder Protestanten noch Hebräer gab.

Es lebte da ein gutes, glückliches Völklein und wenn auch die Protestanten von ihm als eine Art Heiden betrachtet wurden und die kleinen Kinder davon liefen, wenn ein Hebräer auf der Straße zu sehen war, so geschah doch Niemanden etwas zu Leide um des fremdartigen Glaubens willen. Was zum alten Eisen gehörte, blieb der Aufklärung unzugänglich; der Jacob pflegte zu sagen, die "neuen Lehren" seien von "alten Lumpen" längst gepredigt worden und dafür wußte er Namen zu nennen. Doch die Aufklärung in religiösen und politischen Dingen kam auch in dieses Dorf und ihre erste Frucht war Zwiespalt unter dem jungen Volke beiderlei Geschlechtes.