Wie daheim, luden ihn die Leute unaufhörlich in ihre Kunkelstuben ein, doch er blieb weg, denn entweder hatte er mit seinen Besen zu thun oder er saß im stillen, frommen Kreise beim Straßenbasche. Noch in den letzten Tagen des alten Jahres bemerkte der Benedict beim Ausfahren, welche Augen und Geberden eine Katharin machte und wie sie mit Schauen, Grüßen und Reden nicht fertig werden will, am Neujahrstag sagt ihm im Adler die Tochter des Mathes: "Käther will Dir fünf Kronenthaler geben, wenn Du sie ins Wirthshaus nimmst!"—"Soll sie nur einem Andern geben, ich habe schon soviel, als ich und das Rösele brauchen!"—"Bist aber doch recht dumm, wenn mans so haben kann!"—"Laß mich dumm sein, Fränz, und bleibe Du gescheidt!"
Richtig sitzt er am Neujahr neben dem Rösele im Adler und die Wirthin hat ihn glücklich gepriesen, wiewohl das Pärlein den ganzen Abend nur zwei Flaschen Batzenvierer trank.
Hatte er doch in kurzer Zeit nicht nur die innige Liebe der alten Schulkameradin, sondern auch die volle Zuneigung des braven Basche und dessen Weibes errungen, war wohlgelitten bei Jung und Alt und verlebte hier die seligsten Tage seines Lebens!
Weil er in keine Kunkelstube ging, kamen allmählig und besonders nach Neujahr Buben und Mädlen, Weiber und Mannen zu ihm in die Behausung des "Saumathes," dessen Stube bald zu klein wurde, wenn der Knecht darin zu finden war.
Am Neujahr hätte dieser den Schweinhirtendienst aufgeben können und wurde arg von den Leuten im Adler geplagt, sich bei ihnen zu verdingen und der Basche selbst redet ihm scheinbar ernstlich zu, doch der Benedict meint: "Bah, bah, 's ist nichts; ein Wirthshaus, das wäre gerade der Platz für mich, um bald wieder in den alten Werktagshosen zu stecken!"—"Gelt, Du traust gewiß der Magd des Adlerwirths nicht?" lacht der Basche—"Nein, nein, ich traue mir nicht!" erwiederte der Benedict und gar wohlgefällig streicht der Alte den halbrothen Schnurrbart.
Schon seit jenem Tage, an welchem der Duckmäuser bei der ersten der beiden Hochzeiten, welche seit Oktober im Adler gehalten wurden, lief sich der blinde Michel fast die Füße aus dem Leib, weil er Klarinettblasen lernen wollte, der Vater desselben kam auch oft, bat inständig und machte große Versprechungen, doch Alles nützt nichts, denn der leiblich blinde Michel hat einen geistig blinden Vater und das Haus desselben ist gerade dasjenige, in welchem sich die Rothschwittler des Rheindorfes häufig sehen lassen. Zwar geht der Basche selbst zuweilen zum Nachbar hinüber, andere ehrbare Leute thun es auch, doch der Duckmäuser glaubt, Gelegenheit zu meiden sei mindestens für ihn das Ersprießlichste, die Leute, welche ihm in die Stube des "Saumathes" nachrennen, bringen ohnehin Anfechtungen und Versuchungen genug. Endlich bittet ihn das Rösele, sich des blinden Michels zu erbarmen und demselben in der Stube der Pflegeeltern das Klarinettblasen zu lehren und jetzt thut er es wirklich.
Als freundlicher, gefalliger, hübscher Bursche und Geschichtenerzähler steht der Duckmäuser längst in hohem Rufe, jetzt wird der Straßenbasche ob dem "musikalischen Scheine" desselben schier ein Narr und räth ihm eines Abends, zum Militär zu gehen und "Hobist" zu werden und meint, bis zum Kapellmeister könne er's leicht bringen. Dieses Wort zündete, denn Hobist zu werden, war einer seiner alten Jugendträume und der Gedanke an Erfüllung dieses Traumes ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe mehr.
Wem dies am wenigsten gefiel, war das Rösele und am dritten Abend, wo der Basche wieder vom Hobistwerden spricht und der Benedict sich streckt, als ob er just unters Maaß stehen wolle, meint sie. "Die Kasern' ist für den Benedict noch gefährlicher als der Adler, lieber will ich ihn zeitlebens beim Mathes sehen denn beim Regiment!"—Das heißt den alten Unteroffizier ein bischen an der Ehre angreifen und er sagt: "Wer liederlich sein und bleiben will, kanns bei der Sauheerd' so gut und wohl noch besser als beim Regiment; 's gibt schlechte, gottvergessene Sauhirten und brave gottesfürchtige Soldaten!"—"Wohl, doch kommt Alles auf die Anlage an, die Einer hat!"—"O närrisches Kind, gerade der Anlagen wegen sollte der Benedict Hobist werden; 's hat schon Mancher sein Glück beim Militär gemacht und er machts auch, das weiß ich zum Voraus!"—"Ja, wenn er nur lauter gute Anlagen hätt', doch hat er auch Anlagen, die bei den Soldaten reichlich ... ich will gar nichts weiter sagen!"—"Bist viel zu ängstlich, Rösele; bei den Soldaten ist eine Zucht, wo diese Anlagen, welche dir bange machen, zurückweichen müssen; haut er über die Schnur, mein! wie wird er da gezüchtiget! ... Übrigens ist er kein Spieler, kein Wirthshaushocker und Vieles Andere nicht, es läßt sich nur Gutes hoffen! ... Ich machte mir ein Gewissen daraus, gegen sein Glück zu sein!"—"O Vetter," sagt die Rosa sehr ernst und wehmüthig, "wenn der Benedict beim Regiment einmal gezüchtigt wird, dann ist's zu spät! ... er ist freilich kein Spieler und kein Wirthshaushocker, das ist wahr, doch ist er stolz, leichtsinnig und dabei der gute Jockel selbst, das habe ich als Kind auf dem Wochenmarkte schon erfahren!"—"Bah, baperlapap, unser Herrgott lebt auch noch!" meint der alte Unteroffizier und langt nach seinem Nasenwärmer, welcher unter der Tafel hängt, die seinen Abschied und das Dienstzeichen einrahmt.—"Ich will jetzt nichts mehr sagen, meint die Rosa, doch so lange ich ihn beim "Saumathes" sehe, habe ich für ihn gute Hoffnung, es ist der geeignetste Platz, um seine ... Anlagen niederzuhalten; dagegen gebe ich alle Hoffnung auf und spreche ihm alle Hoffnung ab, wenn er zu den Soldaten geht! ... Ihr werdet einmal an mich denken, Vetter!"
Schweigend hat der Duckmäuser Alles angehört; Rosas letzte Worte wirkten auf sein Herz, wie Hagelschlag in Blüthenwäldern, das Blut drang ihm zu Kopfe und er mußte sich Gewalt anthun, um seinen Unmuth nicht zu äußern. Beim Fortgehen begleitet ihn die Rosa hinaus und unter der Hausthüre fängt sie noch einmal von der Sache an.
Rösele wiederholt Alles, was sie drinnen gesagt hat, der Benedict entgegnet "Denk' doch auch an den Vetter, den Straßenbasche! Ist dieser nicht von früher Jugend bis ins gesetzte Alter Soldat gewesen und hat er Etwas zu bereuen?[">[—"Wohl wahr, doch bevor er zu den Soldaten kam, hatte er auch nicht zu bereuen, was du bereuen mußt. Frag' ihn, ob er auch je so grenzenlos leichtsinnig gewesen sei, wie Du? Und ob er sich auch soviel eingebildet hat, wie Du? Wirst ganz andere Dinge hören, als man von Dir hören kann!"—"Hoh, Rösele, sei doch nicht so hart, was kannst Du mir denn seit Oktober vorwerfen und ist's nicht bald ein halbes Jahr?[">[—"Liebster, ich sehe und höre wohl, daß Du der alte "Leichtsinn" noch bist und mit Gewalt deinen Leib und deine Seele verderben willst. Jetzt stehst Du auf deinem Eigenthum, in deinem eigenen Hause und dies so lange, als Du hier bleibst, wenn Du aber in eine Stadt gehst, dann" ...—"Dann nimmst einmal einen Andern statt meiner ins Haus, he?" fragt der Benedict etwas verhofft.—"Nein, ich nehme keinen Andern, aber ebenso wenig Dich, wenn Du nicht vom Regiment wegbleibst."—"Rösele, lieb Rösele, sei doch nicht so ängstlich, wirst sehen, daß ich halte, was ich Gott und Dir und deinen Leuten versprochen habe. Der Vater hat schon gesagt, ich komme hinüber nach Freiburg, dann kann ich gar oft zu Dir kommen und siehst doch lieber Einen mit dem Säbel an der Seite und dem Kriegshute auf dem Kopfe, als wenn ich immer und ewig mit der Geisel und dem Hörnle im Dorf und Wald bei den Sauen herumtrummle!"—"Ja gerade das ist's, was mir so bange macht; ich sehe wohl, daß Du dich des Dienstes beim Saumathis schämst und könntest Dich nicht schämen, wenn Du deine Umstände nur ein wenig zu Herzen nähmest!"— "Gute Nacht, lieb' Rösele, bleib mir nur treu und gut, dann wird Alles recht werden!"