Der Duckmäuser wird Soldat, sucht und findet in der Kaserne Vorbilder
Am 31. März 183.——es war wiederum an einem Freitag, und Mittwoche mit Freitagen spielen im Leben unsers Helden eine merkwürdige Rolle—steht der Benedict im paradiesischen Zustande vor den Regimentsärzten der Freiburger Garnison und die Herren machen ein bischen seltsame Augen, Einer davon sagt den Grund: "Füße wie zwei Sicheln, Rücken wie das Grammische Bierkellergewölbe, vom Kinn bis zu den Knöcheln Eine Dicke, mein Gott, was soll denn aus dieser Figur gemacht werden?" ... "Wenn wir noch Einen dieser Art hätten, besäßen wir ein hübsches Gestell für die große Trommel!" sagt trocken ein grauer Chirurg, der bei Leipzig die Säge drei Tage lang nicht aus den Händen gebracht hat.—"Was hat denn der Mann bis jetzt gearbeitet?" fragt der Kritiker wieder.—"Ich bin ein Bauer!" stottert der Benedict und schnappt nach Luft.—"Ach, da ist der Rückenkorb viel getragen worden, man sieht's dem Rücken, den Füßen, dem ganzen Mann an!"—"Nein, meine Herrn! doch auf dem Kopfe habe ich viel und schwer getragen."—"Das sieht man wohl, 's ist eine Terrasse, worauf ein Ball arrangirt werden könnte!" meint der trockene Chirurg.—Nun, tröstet der Oberarzt, die Füße werden sich schon wieder strecken, der Tornister wird sich auch Platz machen, der Mann sieht gut aus, hat eine starke, ausdauernde Brust, er kann gut werden!— "Aber der kann doch den großen Bombardon noch nicht erspannen?" fragt der Graue.—"Weiß nicht, er hat ... lange Finger, er ist tauglich!" lächelt der Oberarzt, Eine Viertelstunde später mißt der Compagnieschneider im Zimmer der Staabscompagnie dem Benedict Rock und Hosen an und prophezeit, er werde die Montur meisterhaft machen, doch koste es ein Maaß Bier.
Am ersten April sitzt er auf dem Gang des Hintergebäudes der Kaserne, wo die Hobisten hausen, und ein entsetzlich langer Tambour stutzt ihn mit Kamm und Scheere um ein Schnäpschen zu einem vollkommenen Hobisten um, hält ihm dann den kleinen Spiegel vor und der Rekrut kann sich in seiner nagelneuen Montur nicht genug bewundern.
Schade, daß er nicht sofort zur Säbelkuppel greifen und zum Rösele ins Rheindorf hinüber marschiren darf; der Weg ist doch etwas weit und die Rekruten müssen zuerst Honneurs machen lernen, bevor sie zum Gitter hinauskommen.
Am zweiten Sonntag nach dem ersten April sagt der Straßenbasche beim Mittagessen. "Rösele, am nächsten Samstag gehen wir wieder einmal auf den Wochenmarkt, nach Freiburg hinüber und wollen sehen, was er macht!"—"Ja, ich mag gar nichts mehr hören!"—"Sei doch nicht so einfältig, hast verweinte Augen und ganz umsonst; er ist ja kein Kind mehr und sieht an Andern, wie weit er mit dem Leichtsinn kommt."—In diesem Augenblicke springt des Nachbars kleine Johanne athemlos zur Thüre herein und keucht und sagt: "Rosa, dein junger Vetter ist wieder beim "Sanmathis!"... er ist kein Sauhirt mehr! ... hat einen Säbel! ... Soldat ist er!" "Was? ... Beim Hirt ist er? ... wirst nicht recht gesehen haben, Hanne!"—"Ho, er hat mir ja einen Wecken gegeben, da guckt, den Wecken hat er mir gegeben!"
Der Straßenbasche sieht auf und will zur Thüre hinaus, im gleichen Augenblick öffnet sich diese und in der Stube steht ein schmucker Hobist, der militärisch grüßt und wohlgefällig lächelt.
"Aber Röfele, kennst ihn noch? jetzt sag' nur nichts mehr, sonst—..." "O Vetter, ich bitt' Euch! ... will gern nichts mehr sagen, wenn einmal dort neben Eurem Abschied ein ähnlicher von ihm an der Wand hängt!"—
Schon eilen Nachbarn und Freunde herein, Alle wollen den Hobisten sehen, sprechen, ihm gratuliren, sogar der blinde Michel tappt herein und greift an ihm herum, greift gleich einen Offizier heraus; Alles lobt, bewundert den Benedict, tadelt die unerbittliche Rosa und diese muß zuletzt, um den Straßenbasche nicht zu erzürnen, auch ein Wörtlein des Wohlgefallens von sich geben.
Wie die Leute wieder fort sind, fragt der Alte: "Wie ist's mit dem Zeugniß vom Amt und Bürgermeister gegangen?"—[">[Gar nichts weiß ich davon; entweder ist's vergessen worden oder die Offiziere haben es gar nicht oder im Wirthshause gelesen! Gewiß bleibt, daß zwei Andere fortgeschickt wurden, weil ihre Zeugnisse ein paar Tage ausblieben!"—"Ho, der Oberst hat eben deine Jugend in Anschlag genommen, er ist ein guter Herr, Alles vergißt sich leicht, wenn Du brav bleibst!"—"Ja, brav ist der Oberst! Gestern auf der Parade meldete ich mich und bat für heute um Urlaub, um Kleinmonturstücke zu holen. Da hat er mich ein wenig finster angeschaut und gefragt, ob ich denn eine Kaserne von einem Taubenschlage zu unterscheiden wisse. In der Todesangst nannte ich ihm Euern Namen, da strich er den großen Schnauz und gab mir Urlaub!"—"Wie lange?"—"Morgen früh bei der Tagreveille muß ich unterm Kasernenthor sein!"—"Ja, das sieht ihm gleich, er ist noch der alte Fuchser, bis er weiß, wen er vor sich hat!" lachte der Unteroffizier.
Am andern Morgen oder vielmehr kurz nach Mitternacht eilt der Benedict mit einem ordentlichen Päcklein Freiburg zu. Mutter Klara und Rösele haben feine, blendendweiße Leinwand, woran übrigens im gesegneten Breisgau kein Mangel ist, hergegeben, damit der bierdürstende Compagnieschneider 2 paar Sommerhosen daraus mache; die Mutter des blinden Michel sorgte für Leinwand zu Unterhosen und Kamaschen, die Mutter des Saumathes brachte Hemden und Schuhe, der Straßenbasche und Andere schwitzten etwas Geld, das Rösele legte 3 baare Gulden dazu; noch nach Mitternacht geben einige Buben dem Benedict das Ehrengeleite eine gute Strecke weit und kehren erst auf sein wiederholtes Geheiß singend und jodelnd ins Dorf zurück.—Das Rösele hat ihm mit weinenden Augen so dringend empfohlen, Gott vor Augen zu haben und sich an brave, erfahrene Kameraden zu halten, der Duckmäuser muß Vorbilder suchen und diese sich zu Freunden machen, hat bereits seine Augen prüfend umhergeworfen.