Benedict erzählt den Musikanten, was ihrem Schneider begegnet sei, doch Keiner verwundert sich darob und der Nachbar zählt kurz Meister Feuchtens Erlebnisse auf. Nach drei Tagen wird dieser wiederum erscheinen, sich ruhig auf den Schneiderstuhl setzen, genau sechs Wochen lang die Nadel und das Bügeleisen schwingen, schweigsam, unermüdlich, ruhelos, denn sechs Wochen hat er Kasernenarrest und nur so lange der Schneider von diesem festgehalten wird, ist Hoffnung da, daß die Hosen und Röcke der Hobisten geflickt werden. Heute über 6 Wochen wird Feucht sich wieder putzen, um 8 Uhr zum Rapport gehen, um sich als freier Mann zu melden, um 9 Uhr mit rothem Kopfe, doch taktfest die Deckel schlagen, um 10 Uhr verschwinden, Abends kurz vor dem Zapfenstreich von einem Bauer vom Mistwagen geladen, von zwei Soldaten der Kasernenwache in den Dunkelarrest für Unteroffiziere geschleppt werden und so fort bis in ferne Zeiten.
Also hat's der Compagnieschneider Feucht vom Bodensee seit vielen Jahren gehalten; alle Obersten und Generale Europas würden ihn nicht dazu bringen, frei und freiwillig eine Nadel zu berühren, im Arrest dagegen ist er anerkannt der eifrigste und beste Schneider des ganzen Regimentes und dereinst wird er im Arrest oder im Rausche Abschied von der Welt nehmen und diese wird um ein Original ärmer geworden sein.
Der Duckmäuser hörte auf, den Compagnieschneider als sein Vorbild zu betrachten, er dachte an Rosa und seufzte.
Unter 30 bis 40 Mann sollte es keinen braven und frommen geben? Nein, unter den Musikanten des Regimentes gibt es nachahmungswürdige, wackere und geschickte Leute, vorzüglich unter den Hobisten erster Klasse, doch diese sind verheirathete Männer, wohnen gar nicht in der Kaserne, lassen sich nicht zu einem jungen Menschen herab, kommen nur Morgens mit dem Kapellmeister zur Probe und der Benedict darf ihnen höchstens die Säbelkuppel anstreichen, die Knöpfe und Anderes recht glänzend putzen.—
Im Zimmer befindet sich ein junger Mann, auf welchen das Auge des Enttäuschten fällt. Derselbe spricht fast noch weniger als Meister Feucht, geht auch mit Niemanden um, er liest beständig. Er liest vor und nach der Probe, liest während des Mittagsessen, liest den ganzen Nachmittag und wenn er Abends zuweilen ausgeht, nimmt er jedesmal einen Pack Bücher mit und bringt einen andern zurück. Schon lange hätte ihn der Duckmäuser gerne um eines seiner interessanten Bücher gebeten, doch er getraute sich dessen nicht, Straßenbasche's Ordre kommt ihm nicht aus dem Sinn; bald eilt ein glückliches Ohngefähr dem Schüchternen zu Hülfe. Eines Morgens steht der Lesefreund sehr frühe auf, setzt sich ans Fenster, liest und vergißt vor lauter Lesen das Morgenessen, liest fort, bis der Kapellmeister erscheint.
Jetzt steht er auf, schleppt seine große Trommel an ihren Platz, haut während der Probe ingrimmig auf das Kalbsfell hinein, schlägt einigemal fehl und erhält dafür 2 Tage Zimmerarrest, um die Gedanken zu sammeln. Mittags kommt er zum Benedict, ersucht denselben, ihm einen Pack Bücher in die Leihbibliothek Waizeneggers zu tragen und alle zu bringen, deren Nummern auf dem beigelegten Zettel ständen. Freudig geht der von Kindesbeinen an dienstfertige Duckmäuser mit den Büchern fort, läuft jedoch nicht die Kaiserstraße, sondern den Löwenrempart hinauf; auf diesem kleinen Umwege ist er sicherer vor honneurswüthigen Unteroffizieren und Offizieren und kann ein bischen in die Bücher hineinschauen. Ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler ist der Duckmäuser von jeher gewesen, die Titel dieser Bücher eröffnen ihm eine neue Welt, er begreift die Lesewuth des großen Trommelschlägers, indem er liest: Bruckbräu oder der baierische Hiesel geschildert als Wildschütz, Räuberhauptmann, und landesverrufener Erzbösewicht—Simon Tanger der furchtbare Seeräuber—die sechs schlafenden Jungfrauen, eine Ritter- und Geistergeschichte—Ritterkraft und Mönchslist.—Die Grafen von Löwenhaupt—Tausend und Eine Ausschweifung.
Zitternd vor Freude, denn jetzt hat unser Rekrut gefunden, an was er sich halten soll, was ihn vor aller Gefahr wahrte und damit sein zeitliches und ewiges Glück feststellt, tritt er in die Bibliothek und die langen Reihen aufgestellter Bände entflammen vollends die längst gehegte Sehnsucht nach recht vielen Büchern zur Leidenschaft. Bisher hatte er leidenschaftlich Musik getrieben, denn in der Kaserne hatte er am ersten Tage den gewaltigen Unterschied zwischen der Dorfkirchweihenmusik und der Musik einer militarischen Musikbande entdeckt, unter welcher wahre Künstler und Virtuosen steckten; die Regimentsmusik, versetzte ihn in trunkenes Entzücken und kein Hobist übte sich fleißiger auf seinem Instrumente, denn der Duckmäuser. Doch Clarinettblasen konnte er auch nicht den ganzen Tag und weil er stets dachte, alle Gelegenheit meiden sei das Beste und fast immer zu Hause blieb, so fühlte er oft herzliche Langweile.
Nunmehr wollte er seine ganze Zeit theilen zwischen der Clarinette und den Büchern und er thats. Bald unterschied er sich vom großen Trommelschläger nur noch dadurch, daß er durch seinen Eifer für Musik sich die ganze Achtung und Liebe seines Kapellmeisters erwarb, bald keiner Belehrung mehr bedurfte, Alles vom Blatte wegblies und ein ordentlicher Künstler wurde.
Er hätte einen wirklichen Virtuosen abgeben und zugleich mehrere Instrumente erlernen können, doch dazu reichte die Zeit nicht hin, denn wenn er gerade mit einem rechten Bücherhelden zu thun hatte, vergaß er oft Essen, Trinken und Schlafen, bis er Alles wußte, was derselbe gethan und welches Fräulein er beglückt oder welchen Tod er erlitten habe.
Die Clarinette und der Katolog Waizeneggers verschlangen über ein Jahr eines stillen, glücklichen, genußreichen Lebens, ließen ihn alle Bierschenken, Wirthshäuser und Stadtmamsellen vergessen; alle Vorgesetzten achteten und liebten ihn, die Spöttereien und Neckereien leichtfertiger Vögel berührten ihn wenig, er gewann durch seine Freundlichkeit und Dienstfertigkeit die meisten Kameraden für sich, ohne ihre Einladung zum Ausgehen anzunehmen. An Samstagen fehlte er niemals auf dem Münsterplatze, wenn er glauben durfte, die Rosa zu treffen, Abends schrieb er zuweilen Briefe voll Gluth, Inbrunst und Tugendsinn und wenn er Urlaub bekommen konnte, eilte er ins Rheindorf hinüber.