Es gibt unzählige Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen gar nichts oder nicht gerne träumen lassen, weil jeder Luftzug aus einer überirdischen Welt ihre gar emsig und kunstreich gewobenen Spinnengewebe zu zerreißen im Stande ist.
Werke sind besser als Worte, Thatsachen lehren eindringlicher denn alle Spitzfindigkeiten der verständig gewordenen Vernunft, deßhalb mag die Jugendgeschichte der Mutter Theres das räthselhafte Benehmen während der letzten Zeit ihres Lebend erklären oder doch einigermaßen aufklären.
Ihr Vater, ein vermöglicher und braver Mann starb sehr frühe, von einem zweiten Manne bekam ihre Mutter noch einen Sohn und zwei Töchter. Dem letzten Willen des Vaters gemäß sollte Theres, sein einziges Kind, die Hälfte seiner Hinterlassenschaft in Empfang nehmen, sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht haben würde, die andere Hälfte jedoch erst nach dem Tode der Fränz, ihrer Mutter. Theresens Stiefvater war ein roher, wüster, leidenschaftlicher Mann, mit welchem Mutter Fränz recht unglücklich lebte und welcher sich immer mehr dem Trunke ergab. Geduldig ertrug Therese alle Unbilden und Mißhandlungen, welche ihr Stiefvater sammt den Stiefgeschwistern ihr alltäglich anthaten, wurde 18, 20, 22 und 24 Jahre alt, blieb bei der Mutter, deren einziger Trost sie war und dachte nicht an die Herausgabe des halben Vermögens.
Armuth und Elend nahmen jährlich im Hause zu, der Stiefvater verkaufte, was ihm beliebte; von allen Seiten wurde Therese gewarnt, ihr Eigenthum zu retten und in ihrem 26. Jahre verließ sie endlich das Haus der Mutter und heirathete den Jacob.
Bei dieser Gelegenheit kommt die schlechte, gewissenlose Wirthschaft des Stiefvaters an den Tag, Fränz schaut jammernd in die Zukunft und bittet die Obrigkeit um Hülfe, der Trunkenbold wird endlich mundtod [mundtodt] gemacht, mißhandelt die Fränz ärger als je, bis sich der Himmel erbarmt und die Arme von ihrem Quälgeiste erlöst.
Theres hauste mit dem Jacob, ihre Stiefschwestern heiratheten auch kurz nach einander, die Fränz lebte jetzt allein mit ihrem Sohne, dem Paul. Dieser schlug seinem rohen, wüsten, trinklustigen Vater in Allem nach, doch war er noch jung und wurde vorläufig nur von Neid und Mißgunst verzehrt, weil er sehen mußte, wie die Therese, seine Stiefschwester, die schönsten Grundstücke und Hausgeräthe und Anderes dem Jacob in die Ehe brachte. Am meisten schmerzten ihn die beiden Rappen, seine Lieblinge, welcher der Schwager aus dem Stalle holte und wenn der Paul gar daran dachte, die Stiefschwester werde nach dem Tode der Mutter Fränz die andere Hälfte ihres väterlichen Vermögens beanspruchen, dann wußte er sich fast nicht mehr zu helfen vor Neid und Haß, zumal der eigene Vater mit all seiner Habe fertig und auf Unkosten der Fränz beerdiget worden war.
Mutter Fränz mußte dem Paul ihre Vorliebe schenken, ob sie wollte oder nicht und dieser war kaum volljährig, so suchte er eine reiche Frau zu bekommen. Im Dorfe und in der Umgegend nicht sonderlich gut angeschrieben, durfte er nicht an jeder Thüre anklopfen, zuletzt erschlich er sich die Liebe eines sechszehnjährigen Mädchens, der hübschen, muntern und vermöglichen Christine und die Mutter derselben gab die Heirath zu, weil die ältere Tochter sich hatte verführen lassen und weil sie fürchtete, gleiche Schande an der jüngern erleben zu müssen. Der Vogt, ein unumschränkter Dorfmonarch und vielgeltender reicher Mann, war Christinens Vetter, hatte deren Heirath mit dem Paul ungerne gesehen, doch als diese nicht mehr verhindert werden konnte und geschehen war, nahm er sich des Paares gewaltig an.
Bald redete Paul mit dem vielvermögenden Vetter, auf welche Weise die Therese um ihre halbe Erbschaft gebracht werden könnte; der Vogt versprach Alles zu thun und hielt Wort, bald entspann sich eine Dorfintrigue, worin Mutter Fränz, ihre Kinder aus zweiter Ehe und ihre Tochtermänner Hauptrollen spielten. Die Leute munkelten und redeten viel von diesen Intriguen, Jacob und Therese bekümmerten sich anfangs wenig darum, weil sie auf ihr geschriebenes und gültiges Recht pochten, doch wie endlich allgemein und laut gesagt wird, Fränz habe ihre älteste Tochter verstoßen und von der halben Erbschaft ausgeschlossen, geht Therese zur Mutter, um dieselbe über das Geschwätz zu befragen. Mutter Fränz erschrickt sichtbar, kann der Tochter nicht in die Augen schauen, gibt lauter ausweichende Antworten und dies beunruhigt natürlich diese gewaltig.
Am andern Morgen langt Jacob seinen langen Rock aus dem Kasten, setzt den Nebelspalter auf und begleitet sein Weib zum Hofe des Dorfmonarchen.
Der Vogt hört Alles ruhig an, dann donnert er los: