Die ersten unvollkommenen Anfänge eines derartigen Baues entstanden in der Quäkerstadt jenseits des Meeres; die Ersten, welche das einzigrichtige Mittel ergriffen, um die für die Gesellschaft und die Verbrecher gleich großen Gefahren des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Sträflinge abzuwenden, waren Männer, welche noch heute zu den Edelsten unseres Geschlechts gezählt werden und deren Ruhm in einem bessern Jahrhundert den zweideutigen Ruhm der meisten Kriegshelden so hoch überfliegen wird, als der völkerbeglückende Geist christlicher Liebe über der finstern Gewaltthätigkeit thierischer Rohheit und Selbstsucht steht.
Noch niemals gab es eine große Erfindung, niemals blitzte ein ins Völkerleben eingreifender neuer Gedanke auf, wogegen sich nicht zahllose Widersacher erhoben hätten. Jede neue Erfindung und Einrichtung ist eine Kriegserklärung gegen diejenigen, welchen dadurch ins Handwerk gegriffen wird, deren Nutzen, Eitelkeit, Denkfaulheit, bequeme Gewohnheiten bedroht erscheinen. Ungefährlich werden die Liebhaber des alten Schlendrians, je mehr die Zeit eine neue Erfindung oder Einrichtung bewährt. Je weniger Bürgschaften für solche Bewährung vorliegen, desto schwankender, zweifelhafter, unentschiedener werden dann auch diejenigen sich verhalten, deren Besonnenheit und weitschauender Blick sich nicht damit verträgt, das schadhafte Alte mit ungeprüftem Neuen zu vertauschen, insbesondere wenn das Alte noch verbesserlich erscheint und das Neue nur mit großen Opfern und Gefahren eingeführt zu werden vermag.
In Amerika ist die Verwerfung gemeinsamer Haft längst entschieden und der Streit dreht sich dort nur noch um die Frage, ob die scheinbare und halbe Trennung der Gefangenen durch das sogenannte Schweigsystem oder die wirkliche und vollständige durch das System absoluter Vereinzelung räthlicher und fruchtbringender sei, eine Frage, welche auffallend erscheinen würde, wenn man nicht wüßte, daß die Erfahrung viele Bedenken, Vorurtheile und Gefahren der einsamen Haft wirklich oder scheinbar bestätigte.
Einerseits wurden die Forderungen und Erwartungen zu hoch gespannt, anderseits die Leistungen zu gering befunden, weil eben die Lösung der Frage der einsamen Haft nur durch Versuche allmählig geschehen und dabei nicht leicht vermieden werden kann, daß verkehrte Maßregeln und untaugliche Leute den Vielen Waffen in die Hand geben, die das Kind gerne mit dem Bade ausschütten.
England und Frankreich mit andern Ländern, in Deutschland Preußen voran scheinen von der Unverbesserlichkeit der gemeinsamen Haft längst überzeugt; jenes sendet seine Verbrecher mit altgewohntem Krämergeiste baldmöglichst nach Australien, um jene einst so glücklichen Eilande mit dem Gifte europäischer Verdorbenheit zu beglücken und sich selbst das zweibeinige Ungeziefer weit vom Leibe zu schaffen; die Franzosen ergriffen den Gedanken der einsamen Haft mit gewohnter Lebendigkeit und führten ihn an manchen Orten ins Leben, doch einerseits würde die allgemeine Einführung der Zellenhaft viele Millionen verschlingen und anderseits tobte die federnmordende Feldschlacht zwischen Liebhabern des Schweigsystems und der Zelle, wobei sich die Anhänger des Alten und Bestehenden vergnüglich die Hände rieben und sich hinter das Flicken machten.
In Preußen zunächst, wo die Regierung auch im Gefängnißwesen Großes leistet und wacker für Vereine für entlassene Gefangene kämpfte, hat der edle Julius insbesondere eifrig gewirkt für einsame Haft. Es wurden Zellengefängnisse nach englischem Muster gebaut, die folgerichtige Durchführung der einsamen Haft leider auch nach englischem Muster aufgegeben. Einzelne in andern Ländern redeten und schrieben Vieles von bisher unentdeckten Verbesserungen der gemeinsamen und noch weit mehr von der abscheulichen Kostspieligkeit und der menschenmörderischen Abscheulichkeit der Einzelhaft.
In allen Ländern Europas erhoben sich die edelsten und gelehrtesten Männer für seltener auch gegen die Einrichtung, gegen deren Einführung der Kostenpunkt die einleuchtendste und beliebteste Einwendung blieb.
Daß in einer so wichtigen Frage nicht nur die Vernunft, sondern manchmal auch die Leidenschaft im Humanitätsmantel das Wort ergriff, viel Sinnloses, Unwahres und Lächerliches zu Tage gefördert, Mücken zu Elephanten gemacht und die altberühmten Hochschulen des Lasters, nämlich die alten Zuchthäuser als wahre Tugendschulen angerühmt wurden, versteht sich von selbst und mehr als Einer brütete ein sogenanntes "System" aus, das auf den Gedanken hinauslief: "wenn alle Gefängnißbeamte meine Erfahrung und meinen Geist hätten, um meine Klassen unfehlbar durchzuführen, dann wäre aller Noth ein Ende gemacht!" Hätten doch diese "Systematiker" ins eigene oder ins nächste beste Eheleben hineingeschaut, wo die Gewohnheit des Umganges gegen Schattenseiten der Gatten und Kinder abstumpft, dann bedacht, daß ihre Pfleglinge Leute voll Irrthümer, Fehler, Leidenschaften und Laster, das vom Gesetz erzwungene Beisammenleben ein vielköpfiges, leidenvolles und verdrießliches, jedes gute Beispiel von vornherein ein zweideutiges sei, sie würden endlich doch den eigentlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, die unabwendbare mehr oder minder völlige Abstumpfung gegen Recht, Sitte und Religion gemerkt und endlich eingesehen haben, daß die Besserung nicht aus Tabellen der Rückfälligen bewiesen werde, für schlechte Gesellschaft kein Kräutlein gewachsen sei und ein schlechter Kerl der Gesellschaft schweren Schaden bringen könne, ohne deßhalb wiederum den Männern des Rechts in die Haare zu gerathen.
Nicht zweideutige Listen von Rückfälligen, sondern getreue und gewissenhafte Berichte über das Leben und Treiben aller Entlassenen möchten entscheiden, ob die Besserung in gemeinsamer Haft kein Unding und in einsamer kein schöner Traum gutmüthiger Menschenfreunde sei! ...
In Preußen wie in Baden sind die Strafanstalten, in welchen gemeinsame Haft besteht, wohl so gut eingerichtet und verwaltet, als in Baiern oder anderswo, in manchen Dingen vielleicht noch weit besser, obgleich kein großes Geschrei damit gemacht wird—doch die uralten Erbschäden jener Haftart lassen sich nie und nimmermehr beseitigen. Was unser Baden insbesondere betrifft, so lese man den vortrefflichen Commissionsbericht Welkers, die Verhandlungen in den Kammern der Landstände, die Schriften der Herren Mittermaier, v. Jagemann, Diez und Anderer, um sich zu überzeugen, daß die badische Regierung sich ein Verdienst um die deutschen Lande, um die Menschheit und bei Gott erwarb, als sie das Zellengefängniß in Bruchsal erbaute und einrichtete, welches jetzt über 5 Jahre Gefangene beherbergt und die einsame Haft, wie dieselbe in Deutschland sich durchführen läßt, unter den mißlichsten Umständen zu Ehren bringt.