Um 6 Uhr rufen die Schildwachen auf der Ringmauer abermals ihr eintöniges Wer da; draußen wird es heller und heller, die Spatzen jagen sich bereits aus ihren Nestern, zwitschern vor dem Fenster ihren Morgengruß herein; das Oeffnen schwerer Thüren, das Fahren eines Wagens, die Frühmeßglocken gewähren dem Ohre des Gefangenen hinreichende Beschäftigung, abgesehen vom Geräusche der Arbeit, den Schritten des über dem Kopfe weggehenden Mitgefangenen, dem Lärm im Gange, dem zeitweiligen Geschelle, welches die Gefangenen eines andern Flügels oder Stockwerkes in den Spazierhof einladet.
Abermals öffnet sich der Schalter, der Aufseher reicht ein halbes Laiblein gutgebackenen, schmackhaften Brodes herein, Nro. 110 langt aus dem Verschlage ein stumpfes Messer sammt Salzbüchse, beginnt zu essen und während er kaut, löscht er die Lampe aus, in welcher eine Mischung von entwässertem Spiritus und Terpentin den Brennstoff bildet, betrachtet den Kalender und streicht ruhig den gestrigen Tag durch—der lebenslänglich Verurtheilte träumt von dereinstiger Befreiung und hat seine Gefängnißtage zählen gelernt, er glaubt, daß ihn jeder Strich im Kalender der schon 10 Jahre entbehrten Freiheit näher bringe:
Die Welt wird alt und wieder jung! Der Mensch hofft immer Verbesserung!
Jetzt läutet's auch hier in den Hof. Nro. 110 schließt den Schieber der Luftheizung, öffnet das Fenster, zieht den Zwilchkittel an über das wollene Unterwammes, ergreift die blecherne Nummer ob der Thüre, hängt dieselbe in ein Knopfloch und setzt eine blauwollene Mütze auf, deren mit 2 Augenlöchern verzierter Schild herabgelassen werden muß und den größten Theil des Gesichtes bedeckt, so daß kein Gefangener das Angesicht des Andern zu sehen im Stande ist. Diese Mütze macht unstreitig einen peinlichen Eindruck auf fremde Besucher und in der ersten Zeit auch auf den Gefangenen, doch ist letzterer bald daran gewöhnt und während der Schaden nicht zu finden ist, welchen diese Mütze bringt, läßt sich ihr Nutzen desto besser absehen und wozu ohne Noth Etwas beseitigen, was für den Grundsatz der vollkommenen Trennung der Gefangenen wesentlich ist? Man hat zwar noch niemals erlebt, daß die Leute einander durch ihr bloßes flüchtiges Anschauen mit ihren Fehlern anstecken und läßt sich nicht läugnen, daß ein Zellenbewohner den vor ihm Hergehenden möglicherweise trotz der Maske am Gange und den Umrissen der Gestalt erkennt, allein Dreierlei läßt sich ebenfalls nicht läugnen, nämlich daß erstens die Maske jedenfalls dazu beiträgt, Anknüpfung von Bekanntschaften zu erschweren, ferner den Gefangenen vor den Blicken neugieriger Besucher der Anstalt beschützt und endlich den großen Vortheil bietet, daß er nach der Entlassung nicht leicht Zuchthausbrüder trifft, welche ihn erkennen und in unangenehme oder gefährliche Lagen versetzen.
Zudem trägt der Gefangene die vielbeschrieene Maske, die von Dickens überschwänglicher Einbildungskraft seltsam genug ein "Grabhemd" genannt wird, nur auf dem Wege in Hof, Badzellen, Schule oder Kirche, somit selten länger als einige Minuten.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, Nro. 109 ist bereits 10-15 Schritte voraus und 110 folgt ihm in der Art, daß der Abstand vom Hintermann 111 ebensoviele Schritte beträgt.
Lauernd steht der Aufseher des dritten Stockwerkes an einem Platze, von wo aus ihm nicht die leiseste Bewegung der in den Spazierhof gehenden Bewohner des ersten Stockwerkes zu entgehen vermag und wenn Einer seine Schritte nicht gehörig beschleunigt oder gar Lust zum Umherschauen zeigt, verweist ihn die Stimme des Aufpassers augenblicklich in die Schranken der Hausordnung.
Nro. 110 eilt durch den Gang die Treppe hinab in den Hof. Eine frische Morgenluft weht von den Hügeln herüber, dessen Bäume mit ihren vielfarbigen Blättern, dessen Weinberge und blumenlose Wiesen ihn an die Herbstmorgen auf dem Lande mahnen. Krächzend eilen einige Raben dem Walde zu, er hört das Krähen einiger Hähne in der Nachbarschaft, das unaufhörliche Gezänke zahlreicher Vögel im Hofe und auf dem Dache. Die Bäume, Sträucher und Blumen, die Holzstöße und Faßdaubenpyramiden im Hofe dieses Flügels— dieser ganze Anblick gewährt einen Schimmer von Freiheit.
Schon ist Nro. 110 in das runde Häuschen eingetreten, von welchem die zahlreichen, etwa 10´ hohen Mauern der Spazierhöfe ausstrahlen, welche vielleicht mit einer versteinerten Sonnenblume verglichen werden können, deren meiste Blätter in regelmäßigen Zwischenräumen herausgerissen wurden.
Nro. 110 eilt in den bereits offenstehenden, für ihn bestimmten Spazierhof, dessen eine Mauer mit einem ziemlich langen Regendache von Eisen, dessen beide Mauern an ihrer Mündung durch ein hohes eisernes Gitter verbunden sind und dessen Boden mit gelblichem Sande aufgefüllt ist.