"Und biß, o Graus, am goldnen Bröcklein die Zähne sich aus!"
so ernsthaft und natürlich zu, daß sämmtliche Herren nachbeißen zu wollen schienen.
Der Declamation folgte ein langes Beifallsgeklatsche und öffentliche Belobung des über den Benedict ganz entzückten Dekans als Abschied aus den Kinderjahren.
Ob unser Held den Leib Jesu Christi beim erstenmal auch würdig empfangen und gewußt habe, was er eigentlich thue, ist ihm heute zweifelhaft, doch meint er, der Unterricht sei ein bischen arg mangelhaft und schlecht gewesen und ein Bube könne nicht Alles aus dem kleinen Finger saugen, wenn er auch ein Benedict sei.
Dorfgeschichten.
Wenn mans genau und eine Landkarte dazu in die Hand nimmt, lassen sich die Einwohner des Badnerlandes in lauter Schwarzwälder und Odenwälder eintheilen. Die schwäbische Hochebene und rauhe Alp sind wohl geognostische Kinder des Schwarzwaldes und das Rheinthal von Basel bis Mannheim eigentlich nur ein Bergkessel zwischen dem Schwarzwalde und den Vogesen.
Freilich gedeihen auf den Höhen des Schwarzwaldes nur Nadelhölzer; selbst diese verkrüppeln und verschwinden am Feldberge und wenn auf den Vorhügeln des Rheinthales drunten Mandeln verblüht sind, Kastanien blühen und die Rebe ihre Schößlinge treibt, sind die rechten Schwarzwälder froh, wenn ihr Hafer angesäet und ihre Kartoffeln gestupft werden können und thun, als ob sie heuer gerathen wollten. Doch die rechten Schwarzwälder bewohnen nur ein kleines Gebiet; jedes Thal hat wieder sein Besonderes in Sprache, Tracht und Sitte und wer das Murgthal bis Freudenstadt und Rothweil, das Kinzigthal von Offenburg bis Schenkenzell und Alpirsbach, das Simonswälderthal, Höllenthal und viele andere Thäler von der würtembergischen Grenze bis zum Rheine besucht hat, weiß am Ende nicht mehr recht, wo er den Schwarzwald eigentlich suchen soll, nicht weil Land und Leute einen cosmopolitischen Brei bilden, sondern weil man kaum recht Athem holen kann, um Verschiedenheiten in der Natur und unter den Menschen zu finden.
Steigt er vom Schluchsen [Schluchsee] oder Titisen [Titisee], wo Schlehen, Preiselbeeren und andere Kinder des Nordens allein noch zu finden sind, in die Seitenthäler herab, wo Obstbäume die Strohhütten beschatten und wogende Saatfelder die saftiggrünen Wiesen mit ihren sprudelnden Quellen allgemach ersetzen, die gelben Strohhüte und kurzen, faltenreichen Röcke allmälig verschwinden und tritt er aus den Vorhügeln mit ihren Weinbergen in das Rheinthal hinaus und wandert vom Wiesenthale abwärts bis zur Murg und zum Neckar, so befindet er sich allerdings nicht mehr in der Gebirgswelt, sondern in einer gartenähnlichen Ebene, doch das Gebirge kommt ihm weder aus den Augen noch aus dem Sinn, die Ebene liefert ihm auch alle Augenblicke etwas Anderes und wenn er aus den zahllosen Mannigfaltigkeiten die Einheiten heraussucht, theilt er die Menschen am Ende in zwei große Partheien, nämlich in Dorfmenschen und Stadtmenschen; im Gebirge herrschen die Dorfmenschen, in der Ebene die Stadtmenschen vor und der Unterschied der Dorfmenschen unter sich ist bei weitem nicht so groß, wie ihr Unterschied von den Stadtmenschen.
Wer das Leben und Treiben der Schwarzwälder im engern Sinne genau kennen lernen will, muß den "Kalender für Zeit und Ewigkeit" oder "Spindlers herzige Erzählungen aus neuerer Zeit" zur Hand nehmen, denn Berthold Auerbachs Dorfgeschichten, so anmuthig, hinreißend und herrlich sie auch uns und vielen tausend Andern vorkommen, sind eben doch keine eigentlichen "Schwarzwälder" Dorfgeschichten, sondern laufen fast ohne Schwarzwälder Lokalfarben auf die Gegensätze zwischen Stadt und Land hinaus.
Im Gebirge verschlingt das Dorfleben das Stadtleben, in der Ebene geht´s umgekehrt zu und wie das Stadtleben allmälig auch in den Seitenthälern und auf den Höhen des Gebirgs zur Herrschaft kommen will, zeigt unter Andern die Geschichte des Duckmäusers.