5. Kapitel.
Warum Magister Fürchtegott Richter an einem Wochentag die Schule schließt.

»Eine feste Burg ist unser Gott!« – So sangen die Kinder an einem kalten Dezembermorgen in der kleinen Kloningkener Schule. Es war dies eigentlich kein rechtes Weihnachtslied, aber der Magister, Fürchtegott Richter, war der Meinung, Luthers kräftig freies Lied sei in solchen Zeiten gut zu singen, es erhebe die Seele und stärke den Mut. Er ließ darum jeden Morgen mit diesem Liede die Schule beginnen, und auf seiner Geige strich er die Melodie dazu. Weil es aber in dieser Zeit manchmal recht kalt im Schulzimmer war, ließ er zur Erwärmung das Lied mitunter dreimal singen. An diesem Morgen aber waren die Kinder noch beim erstenmal, und trotz der Kälte tönten die jungen Stimmen gar hell auf die einsame Dorfstraße hinaus.

Mitten im Gesang klopfte es an das Fenster, und der Schmied, Franz Strobeck, sah durch die nur halb aufgetauten Scheiben in das Schulzimmer. Verdutzt staunten die Kinder den ungewohnten Besuch an, so etwas waren sie gar nicht gewöhnt. Doch der Schmied kümmerte sich nicht um das Staunen der Kinder, er schrie draußen: »Laßt die Kinder laufen und kommt zum Marotzki, was Ihr da hören werdet, ist besser als Singen und Buben klopfen, das zu hören tut not in solcher Zeit.« Als der Magister darauf das Fenster öffnete, raunte er ihm hastig einige Worte zu. Da geschah etwas, was die Kloningkener Mädchen und Buben in den Jahren, in denen Magister Ludwig Fürchtegott Richter seines Amtes waltete, noch nicht erlebt hatten, die Schule wurde geschlossen, nachdem sie kaum begonnen hatte. Der Magister aber eilte mit fliegenden Schritten in seinem dünnen, schwarzen Röcklein, die Fiedel unter dem Arm, auf den Hof Johann Maritzkis.

An jenem Morgen verließ noch mancher seine Arbeit und stand gleich dem Magister auf der Diele des Bauern, um zu hören, was der kleine, schmächtige Mann erzählte, der Jude Levin Moses, der von Rußland kam. Er erzählte von dem Leidenszug der großen Armee durch Rußland, von dem Brand von Moskau, von der Unordnung, in die das Heer geraten war. Von dem unglücklichen Übergang über die Beresina wußte er zu berichten, und wie Schnee und Kälte in den letzte Wochen noch Tausende von Opfern gefordert hatten. Er wußte viel, der kleine Mann, er hatte viel gehört auf seinen Handelswegen, viel mehr als in den Berichten stand, die über den Feldzug veröffentlicht wurden. Und atemlos lauschten ihm die Leute, ein Grauen überkam sie manchmal, wenn sie von dem ungeheuren Elend hörten. Sie dachten an die Scharen kräftiger, blühender Jünglinge und Männer, die im Sommer vorbeigezogen waren, alle voll Siegeshoffnung. Und manch einer murmelte: »Und so viele deutsche Landsleute waren unter ihnen, so viel deutsches Blut ist da unnütz vergossen worden.«

»Sie kehren zurück,« sagte der kleine Handelsmann, »aber sie kehren geschlagen heim, paßt auf, sie werden als Bettler kommen!«