Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke Friede schwankte ein wenig, dann kletterte er aber doch noch fix mit auf den Wagen. Vorläufig erschien ihm das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der Abschied von Feldburg wurde ihnen allen an diesem Abend bitter schwer, und sie alle stimmten laut und sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein: »Ach, lägen doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!«
Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von Spiegels Hand fest in ihrer arbeitsharten. Sie wollte ihm danken für alles, was er an ihrem Friede getan hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein paar Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und streichelte die Muhme herzlich und sagte: »So Gott will, sehen wir uns noch oft, ehe unser Friede ein Mann geworden ist.«
»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« flüsterte die alte Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« fügte sie ganz leise hinzu.
Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah der alten Frau in die guten Augen und sagte fest: »So einer, der seiner Pflegemutter Ehre macht.«
Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch geachtet. Die schwatzten, lachten und lärmten, bis Friede Hopserling »hüh hott« rief und die beiden Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's noch laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. Ein Kind nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten außer den Kutschern nur noch Muhme Lenelies und Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß und rot über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein Licht in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen der Bäume und hin und wieder den verschlafenen Schrei eines Vogels. Manchmal kletterte auch Friede Hopserling vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch alle da waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. »Die bringen alles fertig,« dachte er und stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den Wagen zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, störte die Muhme und ihren Pflegesohn nicht im traulichen Zwiegespräch.
»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte Muhme Lenelies den Buben lächelnd.
»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und schmiegte sich fest an die treue alte Freundin an. »Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt hinein reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und viel, viel lernen und – –.« Traumfriede wollte noch viel; große Taten wollte er vollbringen, Schönes, Gutes tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme und der Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte. Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte bei diesen Träumen doch: »Vielleicht wird mein Friede noch einmal einer, dessen Name einst die Welt mit Stolz und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren werden, ja warum nicht?«
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