»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die Stadt fahren,« kicherte Annchen Amsee, und die andern schrieen und lachten: »Du kommst aber fix hin!«
Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter Faulpelz, und seine Einser hatten meist recht hübsche Querbalken und wurden Vierer genannt. Der Bube schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, und vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.«
So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und Lachen hatte Traumfriede seine Abschiedsbesuche gemacht, und die Zeit, da die Bäuerinnen die Abendsuppe auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz und eilig ging es dabei zu, denn Friede war das Herz schwer, und er konnte nicht viel sagen. Die andern aber hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und Tag aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl zu sagen. Kaspar auf dem Berge, der Wirt zur himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen samt seinem recht bescheidenen Köfferlein.
Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme Lenelies, seiner Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun dort Waldbauers Mariandel stehen. Das Mädel war vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch ein Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen und erzählte, die Muhme habe Besuch, und mit dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da liefen die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem windschiefen Häuslein der Muhme anstieg, und oben setzten sie sich unter einen Haselbusch, der erst winzige, feine Blättchen hatte, und sprachen von Friedes künftigem Leben.
»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien heim,« sagte Mariandel, froh, daß Pfingsten so bald schon auf Ostern folgen sollte.
Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies hat gesagt, so bald heimkommen gibt kein Geschick; vor den Sommerferien wird's nichts.«
»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter meint, du würdest wohl oft auf Sonntag kommen.«
»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt auch, es wäre besser, ich lebte mich erst ordentlich in der Stadt ein, nur – – nur – – wenn ich's mal gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte ich kommen, aber das tue ich nicht – – weil's doch feig wär.«
Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen still beisammen. Da tat sich auf einmal unten die Türe auf, und Muhme Lenelies trat heraus mit ihrem Gast: der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit der alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu sprechen, und als er jetzt aus dem Hause ging, sagte er – und der Wind trug die Worte zu den Kindern auf dem Nußhügel empor –: »Nun vermahne Sie den Buben nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit er unserm Dorf keine Schande macht in der Stadt und kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar dumme Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied ist allemal gut, himmelangst muß es so'nem Bengel werden!«