»Allweil nu möcht ich wissen, warum der Musjeh zu jung ist?« fragte Meister Käsmodel, der gerade wieder eintrat. »Jugend ist alleweil der einzige Fehler, von dem man jeden Tag 'n Linschen ablegt.«
»Ich möchte groß sein, Soldat sein und in den Kampf gegen Napoleon ziehen können!« rief Raoul.
»Jetzt ist Frieden,« brummte der Meister, »Frieden, ihr Bengels, aber merkt's: alleweil ist's mit dem Frieden jetzt so wie mit meiner Backofenglut. Wenn ich nicht backe, decke ich Asche drauf, viel Asche, und nachher, wenn ich wieder Feuer brauche, stöbere ich die Asche weg, ein paar Scheite drauf, und heissa, das Feuer brennt!«
»Das Feuer brennt!« schrieen die Knaben unwillkürlich mit, die Frauen aber schraken zusammen, und die Bäckermeisterin bat ängstlich: »Mann, Käsmodel, setz den Jungens doch nicht solche Gedanken in'n Kopf, man weiß heute nie, was draus wird.« Sie sah sich scheu um. »Man muß vorsichtig sein.«
»Ih was,« knurrte der Meister, »Glut muß bleiben — bis die Zeit zum Backen kommt! Hab' ich nicht recht, Frau Nachbarin?«
Frau von Steinberg schloß sekundenlang die Augen; sie sah sich wieder am Sterbebett ihres Mannes stehen und hörte ihn mit versagender Stimme rufen: »Die Schmach muß ausgewetzt werden, vergiß es nicht, vergiß es nie!« — und ganz leise sagte sie: »Sie haben recht, Meister, die Glut muß bleiben — bis die Zeit kommt.«
Dann legte sie ihre Arbeit zusammen und nahm Abschied von ihren freundlichen Wirtsleuten, es war Zeit zur Nachtruhe. Raoul folgte bereitwillig der Mutter. Er hoffte noch auf ein Plauderstündchen, um ihr von allem zu erzählen, was er auf seinem Botengange gesehen und was er mit Gottlieb gelernt hatte, aber oben sagte die Mutter sanft, und ihre Stimme klang unendlich müde: »Erzähl mir morgen alles, Raoul, ich brauche heute Ruhe.«
Es dauerte nicht lange, und der Bube lag im Bett und schlief auf dem harten Strohsack fest wie ein Murmeltier. Seine Mutter aber fand keinen Schlaf. Brust und Rücken schmerzten, sie fror, und quälender noch als Schmerzen und Kälte peinigte sie der Gedanke an die Zukunft. Wieder wie so oft in den langen Wochen, da sie fühlte, daß ihre Kräfte mehr und mehr abnahmen, dachte sie an die Verwandten ihres Mannes, an seinen Bruder auf Hohensteinberg und — an seine Mutter. Sie hatte, seit sie selbst Mutter war, oft gedacht, daß sie und ihr Mann damals wohl zu rasch das Werben um die Verzeihung der alten Frau aufgegeben. Die hatte sie ja nicht gekannt, nichts von ihr gewußt, fremd war sie ihr, — wie durfte sie da gleich Liebe fordern! Vielleicht hätte die Mutter ihr gern geholfen, sie verstanden. Und wieder rang sie mit ihrem Stolz und nahm sich vor, an die Mutter, den Schwager zu schreiben und um Hilfe zu bitten, nicht mehr für sich, aber für ihren Sohn, damit er nicht verlassen und schutzlos war, wenn sie von ihm gehen mußte — vielleicht würde das bald sein, sehr bald.
Ein tiefes Stöhnen entrang sich der schmerzenden Brust der armen Frau, und Raoul, der im Winkel unter dem schrägen Dach schlief, wachte auf. »Riefst du mich, Mama?« Doch alles blieb still, vom Bett der Mutter kam keine Antwort, und so huschelte sich Raoul beruhigt wieder in seine Decke ein und schlief seinen festen, gesunden Jugendschlaf weiter.
Die Frau preßte die Lippen fest zusammen, damit kein Klagelaut wieder den Schlaf ihres Kindes stören sollte, über ihr Gesicht aber rannen Tränen, bittere, schwere Tränen. Draußen hatte sich der Wind erhoben, er sauste und brauste um die hohen, spitzgiebligen Häuser herum, drehte knarrend die Wetterfahne auf dem Dach und klapperte an der Dachrinne. Die Frau hörte das wilde Lied und dachte an den Sturm, der ihr Glück vernichtet hatte. Jetzt schwieg er, Friede herrschte, aber wie lange noch? Erst gegen Morgen, als sich auch draußen der Sturm legte, schloß der Schlaf für wenige Stunden die müden Augen, und ein heiterer Traum entführte ihre Seele für kurze Zeit der trüben, schweren Gegenwart.