Ein schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe, der den Bäckerssohn um einen Kopf überragte und in seiner ärmlichen, abgetragenen Kleidung fast wie ein verwunschener Prinz aussah, kam eilig herbei, und in seinen dunklen Augen blitzte es wie Hoffnung auf: »Soll ich kommen?«

Gottlieb nickte und sagte, verlegen sich durch seinen Strubbelkopf fahrend: »Es ist schon nötig, bist nicht böse drüber, nein?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging Gottlieb Käsmodel rasch durch das Zimmer und verbeugte sich, so gut er es zuwege brachte, und so tief, daß sein dichter, blonder Haarschopf beinahe den Boden fegte, vor einer Dame, die an einem der beiden kleinen Fenster saß und das verdämmernde Licht des kurzen Wintertages noch emsig zu ihrer Näharbeit ausnützte.

Trotzdem auch sie schlicht, ja ärmlich gekleidet war, würde jeder in dieser schlanken Frau die vornehme Dame erkannt haben. Sie, der Knabe und ein paar von blitzenden Goldrahmen umfaßte Ölbilder nahmen sich ganz fremd in der Stube mit den schiefen Wänden, den kleinen Fenstern und dem ärmlichen Hausrat aus.

»Darf Raoul kommen?« fragte Gottlieb, der ganz unwillkürlich hier immer etwas seine laute Stimme dämpfte.

Über das sehr blasse Gesicht der Frau, auf dem Kummer und Sorge noch nicht die einstige strahlende Schönheit verwischt hatten, glitt ein wehes Lächeln. »Gewiß gern, lieber Gottlieb,« sagte sie unendlich sanft, »und grüße die Eltern!«

Gottlieb Käsmodel verneigte sich noch einmal so tief, daß er nun beinahe nicht wieder in die Höhe gekommen wäre, Raoul von Steinberg küßte seiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand, und dann eilten die Knaben hinaus, leise und gemessen durch das Zimmer, die Treppen aber polterten sie gar geschwind hinab.

»Wenn du fertig bist, kommst du in meine Kammer,« bat Gottlieb, »ich warte mit den Aufgaben.«

Raoul nickte nur und schlüpfte eilfertig durch den Hausflur in das Lädchen. Dort hatte die Bäckermeisterin zwei große Körbe mit Backwaren gefüllt, und Raoul bekam die Weisung, dahin und dorthin dies und das zu tragen. »Ein Bäckerjunge muß aber zeigen, daß die Ware gut ist, und was essen,« sagte die Frau gutmütig und steckte dem schlanken Knaben ein paar recht große Wecken zu. Einer hätte wohl genügt, um einen gesunden Bubenappetit zu stillen, aber die Meisterin wußte, daß der andere hinauf wanderte in das Dachzimmer und dort eine Mahlzeit der Frau von Steinberg bildete. Raoul teilte immer mit der Mutter, mochten die Bissen noch so klein und der Hunger noch so groß sein.