Und Gretel dehnt sich und blinzelt, Grashalme kitzeln sie an den Wangen, war denn das vorher auch so? Und dann sieht sie auch neben sich eine goldgelbe Pusteblume, noch eine, viele, viele und vorher hat sie die doch gar nicht gesehen. Die Pusteblumen sind gewachsen! „Rudi,“ ruft sie selig, „da, so viele Blumen sind gewachsen.“
Sie greift mit den Händchen nach den Blumen, bricht sie ab, sie springt auf, pflückt mehr ab und will auch die nehmen, die der Bruder noch immer verträumt anschaut. „Nein,“ schreit der entrüstet, „ich hab' sie doch wachsen seh'n!“
„Na ja, gerade darum!“
„Nein, Nein!“ Rudi hält beide Hände schützend über das kleine goldene Wunder, das darf ihm niemand anrühren, denn was sind alle Pusteblumen der Welt gegen die eine, an der sein Glaube hängt, sie wäre vor seinem Näslein gewachsen.
Gretel findet diese eine Blume nicht schöner als die anderen, und Pusteblumen sind ihrer Meinung nach dazu da, um Kränzlein daraus zu winden, mit denen man sich schmückt. Und als sie sich den goldgelben Kranz auf den Kopf setzt, sich auch eine Ringelkette dazu umhängt, sagt der Bruder glückselig: „Sie ist ganz groß geworden, viel, viel größer als deine.“
Es wird ihm ordentlich schwer, sich von der schönen Blüte zu trennen, doch Gretel, die immer aus allerlei Zeichen weiß, wenn es Zeit zu irgendeiner Mahlzeit ist, sagt eilig: „Wir müssen heim.“
So wandern sie wieder durch das Heckenloch und den Garten dem Hause zu, Gretel stolz im goldenen Blumenschmuck, Rudi verträumt. Sie kommen wirklich gerade noch zum Mittagessen zurecht und auf die Frage nach ihrem Verbleib, erzählen sie, Gretel sehr eifrig, Rudi langsamer und nachdenklich.
Der Mutter drängt sich ein Lachen auf die Lippen, der Vater will sagen: „Unsinn!“ Doch da sehen sich beide an, und der Mutter Lachen wandelt sich zu einem stillen Lächeln, und der Vater nickt den Kindern zu. Er denkt zurück an die eigene Jugend. Damals. Er hat auch auf der Wiese gelegen, um das Gras wachsen zu sehen, und er hat daran geglaubt, bis sacht in ihm die Erkenntnis gewachsen ist und er vom Märchenglauben der Kindheit dazu gekommen ist, nachdenklich im schönen Buch der Natur zu lesen. Und die Freude daran ist in ihm gewachsen.
Der goldene Kranz auf Gretels Haar glänzt, Rudis Händchen beschreiben einen weiten Kreis: „So groß war meine Pusteblume.“
Was sind alle Schätze der Welt gegen eine Pusteblume, die golden auf der Wiese gewachsen ist! Und Rudi hat sie wachsen sehen, wer zweifelt daran?