Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte ihn vorgelockt und ihn in ihrer großen Puppenstube versteckt. Das war ein kleines Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das Bett der größten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen zusammenkrümmen mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte: „Das schadet nichts, hier findet dich niemand.“
Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den Gedanken gekommen, in Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß sie sorgsam die Vorhänge am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von himmelblauen Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur für so einen kleinen strampeligen, unnützen Kasper zu zart und fein.
Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber doch große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er still liegen.
Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gästen gute Nacht sagen müssen und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief.
Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und murmelte: „Ich kann in dem Bett nicht liegen!“
„Du mußt aber drin bleiben,“ flüsterte Rosemarie ängstlich. „Ach, Kasper,“ klagte sie, „was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterböse, und es sind schon dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß bewachen, damit niemand hinaus kann. Und morgen früh soll noch einmal alles, alles abgesucht werden. Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn sie dich finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.“
„Brrrr!“ Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt gelaufen, um eingesteckt zu werden. „Ich fliehe,“ brummte er.
„Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjäger.“ Rosemarie seufzte bekümmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. „Ich weiß was,“ sagte sie. „Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich neben dem Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjäger. Komm, jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg.“ Sie packte fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte essen sollen, und steckte es Kasperle zu, und dann lief
sie ganz, ganz leise voran. Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale, schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und öffnete am Ende eine Türe, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der Mitte, Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles sehen konnte. Aus dem runden Zimmer führte ein schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie belehrte Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten aufriegeln, dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte, erfaßte sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er hätte doch gar nichts Schlimmes getan. „Du armer Kasper!“ flüsterte sie, und über ihr liebliches Gesicht liefen helle Tränen.
In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt ihm rasch mit beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme, die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: „Nun muß ich gehen,“ da purzelten dem Kasperle wieder die Tränen wie ein Bächlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest.