Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne und goldene Becher und eine goldene Kette lagen drin und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war ein roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen war. Kasperle nahm ihn sich um, hängte sich die goldene Kette an den Hals und spazierte so ein Weilchen hin und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. Er warf alles in die Kiste zurück und begann das Trepplein hinabzusteigen, Stufe um Stufe. Etwas bänglich war ihm doch zumute, und als ihm von unten herauf eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch um und schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog das Bild wieder zurück, ganz leicht ging es nicht, aber plötzlich schnappte es ein, und von der geheimnisvollen Kammer war nichts mehr zu sehen.

Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband des Lammes, er fand ihn, drückte darauf, und wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen, dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er ging nun überall im Schloß herum und untersuchte alle Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild müßte eine geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren und Damen, deren Bilder die Wände schmückten, auch auf die Nasen, Münder, Augen und Bäuche drückte, keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend, und Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich dabei auf den kommenden Tag, da würde doch sicher schönes Wetter sein.

Doch der Regen rann und rann. Am nächsten Morgen war es noch grauer; noch düsterer sah der Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder im Schlosse herum. Das geheime Kämmerchen untersuchte er ganz genau, er ging auch ein paar Schritte die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er holte sich wieder eine Wurst aus der Räucherkammer; doch die wollte ihm gar nicht mehr so recht schmecken. Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren besser gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu, ohne Unterlaß rann es vom Himmel herab, und am nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal ein helles Licht das Zimmer erfüllte. Kasperle sprang auf und sah hinaus. Draußen war soeben die Sonne hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken besiegt. Hier und da schimmerte der Himmel tiefblau, und die grauen Wolken jagten davon, als hätten sie die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim Schwänzlein genommen zu werden. Heisa, nun wurde morgen gewiß schönes Wetter!

Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann rannte er wieder im Schloß treppauf, treppab, holte sich eine riesengroße Wurst, die er morgen mitzunehmen gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett. Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele wiedersehen.

In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. Er war zwar noch blaß, und es fehlte ihm ein ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner, wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über der Waldwiese vor dem Schloß, als Kasperle einmal aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es schon wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er den Mond glänzen, und das Rauschen, das er hörte, kam vom Wald herüber. Aber noch etwas anderes hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus herüber tönte es, und im klaren Licht des Mondes sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause drüben halten. Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder in sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief er denn auch bald ein.

Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er erstaunt: Was ist denn das? Es rummelte, knarrte, klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht so still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes Rufen: „Matthias, Matthias, jetzt wollen wir erst in dem Herzogszimmer scheuern!“

Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst ergriff ihn. Menschen waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, die Türe rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und

die Wurst und witschte in die Kammer. Es war die höchste Zeit, denn draußen dröhnten schon schwere Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre geschlossen, als der Förster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle vernahm einen lauten Schrei, die Försterin hatte das zerwühlte Bett erblickt. „Matthias, Matthias,“ rief sie, „es ist wahrhaftig jemand im Schloß gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr wüßte!“

Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte ihn sagen, es müßte gerade ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen hätte er doch etwas merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen gewesen. „Matthias, die kleine Pforte war ja auf!“ schrie die Försterin. „Weißt du, von der der Schlüssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas gestohlen worden ist!“

Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte und brummte, und Kasperle hörte ihn sagen, daß er die kleine Pforte verriegeln wolle.