Freude hilft gesund machen. Dem Brigittchen half sie sicher. „Das geht ja wie mit ’nem Schnellzug,“ sagte Doktor Fabian, „potzwetter, das hätte ich nicht gedacht, daß unser Sorgenkind so schnell gesund werden würde. Freilich, wenn einen Vater und Mutter so gut pflegen, da ist es keine Kunst!“

Es dauerte denn auch nicht lange, da fuhren Vater und Mutter mit Brigittchen im Sonnenschein spazieren. Hinter dem Wagen her liefen mit einem ungeheuren Freudenschrei alle Buben und Mädels vom Kirchplatz, aus der Marienstraße und aus den Gäßlein ringsum. Es war just so, als hielten die Prinzessinnen Einzug. Und Brigittchen saß im Wagen und lachte so vergnügt, daß sie ganz rosige Bäckchen bekam. Wie wunderschön war es doch auf der Welt!

Aus dem Fenster des alten Stadtturms sahen Klaus Hippel und Frau Paulinchen über das Blumenbrettlein hinweg und beide nickten und winkten, als Brigittchen unten vorbeifuhr. Der Pantoffelmacher aber sagte: „Es ist eine richtige, feine Geschichte, wie das Brigittchen zu einer Mutter gekommen ist. Ich sag’s ja immerzu, in Neustadt passiert so viel, wie nirgends in der Welt. Nee, nee, und die dummen Leute sagen immer, so ’ne kleine Stadt sei langweilig!“

Der Sommer verging und der Herbst kam. An einem Oktobertag, der so warm und hell war, daß er ganz gut hätte sagen können: „Schaut mich nur an, ich bin eigentlich ein Augusttag!“ sangen und tönten die Glocken von St. Marien: „Hochzeit, Hochzeit!“ In allen Ecken und Winkeln des Städtchens hörten die Leute das Singen und Klingen, hörten es, daß Herr Schön und Helene Fröhlich Hochzeit feierten miteinander. „Glück und Heil!“ jubelten die Glocken, und Glück und Heil, Freude und Segen, sangen auch die Glocken in manchen Herzen. Es gab in Neustadt viele Menschen, die sich ehrlich mitfreuten und die dem Brautpaar gute Tage wünschten.

Der ganze Kirchplatz und die Marienstraße dazu aber waren vom frühen Morgen an in großer Aufregung. Vom Hause der Braut aus bis zur Kirche waren Teppiche gelegt und Blumen gestreut, und über Teppiche und Blumen hinweg schritt Helene Fröhlich in die alte Kirche hinein. „Sie ist so schön wie eine Rose,“ sagten die Leute; die alte Dorothee aber dachte in ihrem Herzen: „Sie ist so schön, weil sie so gut ist.“

Blitzeblank, in neuen Kleidern und Anzügen, die Augen so strahlend, als wären sie frisch geputzt, gingen die fünf Schatzgräber, Jantge und Karl vor dem Brautpaar her und streuten Blumen. Sie kamen sich alle mit einander ungeheuer wichtig vor. Wendelin und Severin trugen ihre Nasen so hoch, als hinge an der obersten Kirchturmspitze eine Blume, an der sie riechen müßten.

Frau Lehmann sah die Buben ganz verdutzt an und sagte zu Heine, der neben ihr stand: „Man erkennt wirklich die Bengels kaum wieder, so manierlich sehen die aus.“

Es war eine fröhliche Hochzeit, die nicht nur in dem alten Haus am Kirchplatz gefeiert wurde, die auch die alten Frauen im Gertrudenspital feierten, Pantoffelmachers im Stadtturm, und manche arme Familie da und dort. Helene Fröhlich hatte schon dafür gesorgt, daß es an ihrem Hochzeitstag auch anderen gut ging. Und lustig, wie überall, ging es auch am Kindertisch zu. Anne-Marte kam zuletzt gar nicht mehr aus dem Lachen heraus, und die Bäckerbuben hatten nur eine Klage, die, daß man sich in guten Anzügen in Acht nehmen muß. Jörgel hielt sogar eine Rede, gerade so, wie es Doktor Fröhlich am Tisch der Großen tat. Seine Gefährten sagten alle, er würde gewiß noch mal ein Dichter werden, es wäre zu fein gewesen.

Die strahlendsten Augen aber hatte Brigittchen, und in ihrem Herzlein sang und klang auch eine Glocke: „Mutter, Mutter, Mutter!“ tönte das immerzu. Und zwischen dem Elternpaar, das an der Hochzeitstafel saß, und ihrem kleinen Mädel am Kindertisch, ging immerzu ein Nicken und Winken hin und her, das hieß: „Ja, wir sind glücklich, wir drei zusammen.“

Dann war das Fest zu Ende, die Lichter verlöschten, die Gäste gingen nach Haus. „Nun wird es aber wieder einsam im Hause werden,“ sagte Doktor Fröhlich ein wenig betrübt, als seine Schwester mit ihrem Manne Abschied nahm. „Nun läßt du mich wieder allein!“