„Neustadt,“ schrie der Schaffner und lief den Zug entlang; „Neustadt, ausstei...gen!“

Einige Passagiere guckten zu den Kupeefenstern heraus. „So’n Nest,“ sagte der eine, und ein anderer gähnte, während ein dritter rief: „Fenster zu! S’ist ja so kalt!“

„Neustadt, abfahren,“ schrie der Schaffner noch einmal. „Es steigt doch niemand aus, hier steigt nie jemand aus,“ dachte er.

Aber da — schon pfiff die Lokomotive — da wurde noch hastig eine Kupeetüre geöffnet, ein Fuß wurde sichtbar, eine braune Ledertasche und — platsch lag mit Koffer und Plaid ein nicht zu großer, nicht zu kleiner, nicht zu dicker und nicht zu dünner Herr, so lang er war, auf dem Bahnhof.

„Na, der hat’s aber eilig, hat wohl geschlafen,“ murmelte der Schaffner und sprang rasch auf, denn der Zug setzte sich pustend in Bewegung.

Zwei Bahnbeamte eilten herbei und halfen dem Herrn wieder auf die Beine, gebrochen hatte der sich glücklicherweise nichts. Er brummelte etwas von gefrorenen Stufen, ausgerutscht sein, und braun und blau geschlagen, dann nahm er seine Sachen, dankte höflich und verließ den Bahnhof.

„Da wäre ich,“ dachte er, „eine nette Ankunft in dem Nest, wie konnte ich auch nur so fest einschlafen, beinahe hätte ich Neustadt verschlafen, brrrrrr, wird gewiß ein erzlangweiliges Nest sein.“

Er trat aus dem Bahnhofsgebäude heraus, ging über einen kleinen, von Bäumen umstandenen Platz, und gelangte an eine Straße, die etwas bergab führte; hier sah er plötzlich das Städtchen mit all seinen Häusern und Türmen und seinem Hintergrund von bewaldeten Höhen liegen. Der Fremde vergaß über diesem Anblick seinen Fall auf dem Bahnhof, und sein vorhin so mißmutiges Gesicht hellte sich auf. Ja, dies war aber auch schon ein Anblick, der sich lohnte. In der geräuschvollen Großstadt, aus der der Fremde kam, sah man selten so eine weiße, schimmernde Winterpracht. Dort fiel der Schnee schon grau vom Himmel, und nach wenigen Stunden war er eine breiige, schmutzige Masse. Hier aber war das ganze Städtlein in ein weißes Feierkleid gehüllt. Die Türme von St. Marien ragten steil und schlank in die Luft, wie Königstöchter sahen sie aus im Schmuck weißer Hermelinmäntel, und nicht weit davon erhob sich der dicke, runde Schloßturm mit weißer Kappe, behäbig wie ein biederer Bäckermeister schaute er drein. Und das Schloß selbst auf der Höhe mit seinen vielen kleinen Fenstern und seinen altersgrauen Mauern war überzuckert von oben bis unten, es glich einer guten Gluckhenne, und all die überschneiten Häuser und Häuschen waren ihre Küchlein. Im Rauhreif standen Büsche und Bäume, und die Sonne, die gerade noch einen Abschiedsblick auf das Städtchen warf, ehe sie in ihr Wolkenbett rutschte, überstrahlte alles mit einem zarten Rosenschimmer. Die fernen Berge verschwanden schon in blaugrauem Dunst, als wollten sie sagen: „Schau dir nur erst das Städtchen an, es lohnt sich schon, zu uns kommst du später.“

„Ja, du lieber Himmel, es lohnt sich wirklich,“ dachte Doktor Theobald Fröhlich; er guckte rechts und links und gerade aus und meinte, er könnte sich nicht satt sehen an dem hübschen Stadtbild. Und dies kleine Städtchen sollte nun für immer seine Heimat werden, das erschien ihm auf einmal gar nicht mehr so schrecklich.

Während so der Doktor Theobald Fröhlich oben am Bahnhofsplatz stand und Neustadt bewunderte, stand unten in der Stadt vor der Türe eines stattlichen, altmodischen Hauses eine alte Frau. Sie hatte ihre Hände fest in ihre Schürze eingewickelt und guckte eifrig geradeaus, denn wer vom Bahnhof kam, mußte die Straße herunterkommen, an deren Ende das Haus lag. Die Straßen von Neustadt gingen alle bergauf und bergab; die Bürger behaupteten, ob es stimmt weiß freilich niemand, ihr Nestlein sei gerade wie das große, gewaltige Rom auf sieben Hügeln erbaut.