In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Häuschen herum, als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen. Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stübchen war ganz behaglich warm. „Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber dazugehalten,“ dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. „Du meine Güte,“ murmelte die Muhme, „da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist!“
Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, daß Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmännchen, und die Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten.
Der Sturm heulte draußen immer noch, und sehr langsam nur wurde es hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage manchmal: „Heute will es auch gar nicht Mittag werden!“ Endlich hörte sie draußen Schritte, jemand kam. Sie lauschte, – Friede war es nicht, also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbäuerin ein. Sie wohnte ganz nahe und hatte der Muhme schon öfters in den Tagen der Krankheit eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an. Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und sagte: „Nun eßt nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim ist.“
„Ei,“ rief Muhme Lenelies und vergaß vor Erstaunen fast das Dankeschön, „wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswörtchen hat er mir vom Fortgehen gesagt.“
„Na sehe einer den Buben an,“ sagte die Bäuerin, „ganz heimlich geht er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am Samstag gibt es halt überall Arbeit, und der Friede läßt sich schon gebrauchen. 's ist recht von ihm, daß er darauf sieht, ein paar Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wäre nur halb so fleißig und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt, dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm käme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe heraus. Ja, ja, 's ist schlimm!“
Die Bäuerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies tröstete: „Ein gutes Herz hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Paßt auf, er wird noch ein braver, verständiger Bube werden!“
Die Schnipfelbäuerin nickte zufrieden, sie hörte es wie alle Mütter gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und daß der Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das tröstete sie immer wieder. Ganz vergnügt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der Haustür traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie aus Muhme Lenelies' Häuschen kommen sah: „Warum ist denn Traumfriede nicht in der Schule gewesen?“
„Nicht in der Schule gewesen?“ wiederholte die Schnipfelbäuerin erstaunt. „Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit?“
„Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert,“ sagte Fritz, der ordentlich froh war, daß sich der Lehrer einmal über etwas anderes als über seine Faulheit zu wundern hatte.
„Na, der Friede wird schon kommen, und so arg böse wird der Herr Lehrer nicht auf ihn sein,“ meinte die Bäuerin und ging in das Haus, und da es Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wörtern gemacht, davon bekommt einer schon Hunger.