„Ach so,“ sagte die Muhme, „die hätte ich beinahe vergessen, und der ging es doch sehr, sehr schlecht. Sie wurde gefangen genommen, in einen Turm gesteckt, und dort mußte sie sitzen und ungeschickten Mägdlein das Stopfen beibringen. Erst wenn eine es einmal so gut könnte wie Prinzessin Liebelinde, dann sollte die Magd frei werden. Sie hat aber beinahe hundert Jahre in ihrem Turm gesessen und ist dann gestorben, und kein Mägdlein hat das Stopfen so gut gelernt wie Liebelinde. So, nun ist die Geschichte zu Ende, und nun geht geschwind nach Hause, ich glaube, es ist gleich Abendbrotzeit.“

Das zornmütige Annchen.

„Was ist immer munter, geht bei Tag und Nacht und wird von allen gern gelitten?“ Dieses Rätsel gab einmal Schuster Pechdraht etlichen Buben und Mädeln auf, und selbst die, die eigentlich keine guten Rater waren, riefen gleich: „Unser Dorfbrunnen.“ Schulzens Jakob fügte ganz hochmütig hinzu: „Solche leichte Rätsel sollte man gar nicht aufgeben.“

Schuster Pechdraht konnte, so oft er wollte, sagen, er hätte die Turmuhr gemeint, die Kinder glaubten es ihm doch nicht. Das Brünnlein auf dem Dorfplatz, das Tag und Nacht leise plätscherte, war ihnen allen viel, viel lieber als die Turmuhr, die dummerweise immer anzeigte, wann Schulzeit war. Was hatten die Buben und Mädel schon für lustige Sachen am Brunnen erlebt! Welch ein prächtiger Rettungshafen war der bei Ritter- und Räuberspielen! Am Brunnen konnte man spritzen, da wagte sich die feindliche Partei nicht so leicht heran. Wollten sich ein paar Mädel oder Buben treffen, immer hieß es: „Am Brunnen.“ Da war schon mancher dumme Streich erdacht worden, und wie oft war schon ein Bube oder Mädel, ein Schulbuch, eine Wasserkanne, ein Puppenkind oder eine Schürze, eine Bubenmütze oder gar ein Vesperbrot in den großen Steintrog des Brunnens gefallen. Ja, der Brunnen konnte etwas erzählen. Lustige und ernsthafte, kurze und lange Geschichten wußte er, viel dumme, aber herzlich wenig kluge. Hans Rumps hatte ordentlich Mitleid mit dem vielgeplagten Brunnen; er hatte oft gesagt, es sei unausstehlich, daß die Kinder fortwährend am Brunnen herumspielten. An einem Linksaufstehtag hatte er einmal den Schulzen so lange gebeten, bis der wirklich das Spielen am Brunnen verbot. Hans Rumps selbst hatte stöhnend und seufzend ein Plakat geschrieben, auf dem stand: „Es is ferbohden hiher zu schpieln un Uhnsinn un Lerm magen. Wär das nich duht wirtt beschtrafft. Di Ohrdsbollezeih.