„Hu hu,“ quiekte Annchen und hopste so hoch, als säße ihr schon eine auf dem Schoß, „Ratten, pfui!“
„Ich glaube, da krabbelt was,“ tuschelte Trude und kletterte geschwind auf einen Stoß Reisigbündel hinauf. „Komm hierher, hier kommen sie vielleicht nicht hinauf.“ Annchen folgte dem Rat. Oben saß es sich ganz behaglich, nur etwas stachlig, aber wie sie beide gerade recht überlegten, wie sie sich setzen wollten, geriet der Reisighaufen ins Rutschen, und die beiden Mädel kamen sehr fix wieder unten an. „Ich habe mir mein Kleid zerrissen,“ stöhnte Trude, und Annchen barmte: „Ich habe mich gekratzt.“
Selbst in einem Holzstall läßt sich allerlei erleben, dies merkten Annchen und Trude an diesem Nachmittag. Die Rattenfurcht veranlaßte sie immer wieder zu neuen Klettereien; waren sie oben, so purzelten sie wieder herab. So ging es hin und her, und sie vergaßen beinahe, daß sie eingesperrt waren. Es wurde dunkler und dunkler, und als die Mädel nun genugsam heruntergefallen waren, gaben sie es auf, vor den Ratten zu flüchten; sie kauerten sich in eine Ecke und begannen, sich leise allerlei Geschichten zu erzählen.
Die fünf Buben waren unterdessen im ganzen Dorfe herumgezogen und hatten die Mädel gesucht. Dreimal hatten sie beim Krämer und bei Amsees gefragt, ob Trude oder Annchen da wären, aber niemand wußte etwas von ihnen. Inzwischen war Annchens Tat auch im Dorfe bekannt geworden. Ihre Mutter hatte sie ebenfalls erfahren, und alle dachten: „Die Mädel haben sich versteckt.“
Es wurde dunkel, die Hausfrauen rüsteten das Abendbrot, und Hans Rumps stand seufzend aus seinem Bette auf und überlegte, wo er in dieser Nacht wohl am besten schlafen könnte. Jetzt begannen Annchens Mutter und die Krämerin doch ängstlich nach ihren Mädeln auszuschauen. Es wurde im Dorfe herumgeschickt, aber niemand wußte etwas von den beiden. Die Turmuhr schlug sieben. Das war die Zeit, in der in jedem Oberheudorfer Haus das Abendessen auf dem Tische stand, aber kein Annchen, keine Trude ließen sich sehen. Amsees Laura kam zum Schulzen, fragte nach Annchen und sagte zürnend zu Jakob: „Daran seid nur ihr Buben schuld. Wer weiß, was den Mädeln passiert ist!“ Und die Krämerin jammerte in Heine Peterles Elternhaus: „Wo nur mein Mädel ist!“
Da ließen alle Buben, auch die, die gar nicht dabei gewesen waren, ihr Abendbrot im Stich und rannten hinaus, die vermißten Mädel zu suchen. Sie vergaßen allen Zorn und suchten sehr eifrig und aufgeregt, denn sie hatten wirklich Angst, den Mädeln könnte etwas passiert sein. Nach und nach geriet das ganze Dorf in Aufregung, die Erwachsenen schalten und klagten, die Kinder schrieen, und Hans Rumps tutete etliche Male in sein Horn. Bei Amsees hatten sie das Haus schon dreimal abgesucht, nun kamen wieder etliche Buben und sagten: „Vielleicht sind sie hier doch wo!“
„Wir wollen noch einmal in den Holzstall gehen,“ meinte Laura. „Friedrich behauptet zwar, sie wären nicht dort, aber je ja, der bringt es fertig, zu Himmelfahrt nach dem Ostersonntag zu suchen!“
„So ein dummes Gewäsch,“ schrie Friedrich erbost, ging mit schweren Schritten voran nach dem Holzstall, riß die Türe auf und rief: „Na seht her, nischt ist da!“
„Du meine Güte, nä, da liegen ja alle beide und schlafen wie'n paar Ratten!“ rief Laura, und die Buben brüllten los: „Sie sind da, sie sind da!“
Mit diesem Jubelruf rannten die Buben hinaus und erfüllten die Dorfstraße mit ihrem Geschrei. Laura aber sagte kurz entschlossen zu Friedrich, der ganz verdutzt dastand und sich immerfort wunderte, daß die Mädel im Holzstall waren: „Nimm du Krämers Trude und trag sie rasch heim, ich nehme unser Annchen, sonst kommen die Buben zurück, und es gibt ein großes Getratsch!“