Bimbam! schlugen sie los, und alle Kinderherzen auf der Löwengasse erschraken, in alle Kinderbeine fuhr die Eile. Sogar die Schulranzen fingen an zu zittern und zu zappeln. Himmel, schon acht Uhr! Die Schule begann, und sie standen noch hier auf der Gasse! Zum Überfluß schalten auch noch die Erwachsenen: »Schulzeit! Geschwinde, geschwinde, heute kommt ihr aber zu spät!«

Die drei Grillschen rasten jetzt davon. Die Sternbuben zögerten noch einen Augenblick; sie hätten zu gern gesehen, was nun weiter wurde mit dem Affen und der schwarzen Dame. Aber das Bimbam dröhnte ihnen zu hart in die Ohren, sie rannten auch davon. Klippklapp, klippklapp! Ihre Schultaschen flogen, ihre Beine schlugen beinahe am eigenen Rücken an, und den Eiligen nach tönte wieder das Glöckchenlachen. Alette Amhag fand in diesem Augenblick die Löwengasse wunderhübsch.

Sonderbar, sehr sonderbar! Frau Juana van Bachhoven schüttelte erstaunt den Kopf. »Verrückt, so eine kleine deutsche Stadt!« sagte sie. »Alette, willst du wirklich hierbleiben? Komm mit mir nach Paris, ich schreibe es deinem Vater; hier gefällt es dir doch nicht!«

»Doch, hier gefällt es mir!« Das kleine Mädchen sah ernsthaft zu dem alten Rosenhaus empor, in dem schon so viele Amhags gewohnt hatten. Der Großvater hatte ihr davon erzählt, der immer so viel Sehnsucht nach der deutschen Heimat gehabt hatte, die er nur als Knabe gesehen. »Ich will hierbleiben,« sagte sie noch einmal und legte ihre kleine Hand zutraulich in Frau Tippelmanns rauhe Rechte. Der war dies ungewohnt, aber sie hielt doch die kleine Hand ganz fest, und ihre Stimme klang seltsam milde, als sie sagte, so leise freilich, daß nur Alette es hörte: »Gott segne deinen Eingang in deiner Vorfahren Haus!«

Sie traten ein, und hinter ihnen her trug Laura, die Zofe, ein paar Schachteln ins Haus. »Gibt's denn hier keinen Diener, der hilft?« stöhnte sie. »Reisten wir nur erst wieder ab, in Paris war's viel, viel besser!«

Von der Abreise sprach auch Frau van Bachhoven. Sie unterhandelte mit dem Fahrer, er solle sie in einer Stunde abholen, länger bliebe sie nicht. Sie sah mit bösen Augen die Gasse entlang, und den allerbösesten Blick bekam der arme Herr Häferlein, der doch nur vor seinem Laden stand. »Schrecklich ist das hier,« murrte die schwärzliche Dame, und innen im Haus sagte sie erst recht: »Schrecklich!« Der weißgetünchte gewölbte Flur, von dem aus eine gewundene Treppe in die oberen Stockwerke führte, mißfiel ihr gründlich, ebenso mißfielen ihr die Zimmer, und am allermeisten schien ihr Frau Tippelmann zu mißfallen, obgleich die kaum ein Wort redete. Sie herrschte die an: »Ist denn kein Diener, kein Mädchen da?«

»Ich bin da!« Frau Tippelmann sah grenzenlos erstaunt drein. »Für die Kleine genügt es doch, wenn ich da bin und das Mädchen!«

»Schnippschnapp, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Fräulein!« unterbrach sie Fräulein Laura. »Für ein paar Tage mag es gehen, aber sonst – ein Fräulein Amhag braucht Dienerschaft.«

»Ein Fräulein Amhag kann überhaupt nicht lange in diesem Hause wohnen,« erklärte Frau van Bachhoven. »Unmöglich, ganz unmöglich ist's!«