Das Gespräch der beiden Officiere dauerte noch länger fort, und Michael Strogoff glaubte zu verstehen, daß in der Umgebung von Kolywan ein Zusammenstoß zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von 2000 Mann näherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten zufolge, in Eilmärschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestätigte, so mußte jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehörte die Straße nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.

Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen Aeußerungen des Pendja-Baschi, daß auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.

Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor zu kommen und auf der Straße nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung [pg 1-224] dieser Absicht mußte er aber vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.

Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluß auszuführen.

Die Rast konnte unmöglich lange währen, und dem Pendja-Baschi durfte es kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu gönnen, obwohl ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische verwechselten Pferde gewiß in demselben Maße und aus denselben Gründen erschöpft sein mußten, wie das Reitpferd Michael Strogoff’s.

Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr Morgens. Er mußte sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenröthe zu weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehölz wieder zu verlassen und die Straße zu gewinnen; doch trotz der Begünstigung durch die dunkle Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im höchsten Grade unsicher.

Um Nichts vom blinden Zufall abhängig zu machen, nahm sich Michael Strogoff Zeit zu überlegen und erwog sorgsam die Aussichten für und wider, um einen Entschluß zu fassen, der ihm noch die besten bot.

Aus den örtlichen Verhältnissen ergab sich Folgendes: An der der Straße entgegen gesetzten Seite des Gehölzes vermochte er nicht zu entweichen, denn um die Bogenlinie der Lärchenbäume, deren Sehne eben die Landstraße darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige Wasserarm. Große Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur Unmöglichkeit. Unter der schäumenden Wasserfläche befand sich offenbar eine steile Vertiefung, [pg 1-225] in der der Fuß keinen Stützpunkt finden würde. Außerdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten Gebüschen für eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiß mit Aufwendung aller Mittel und Kräfte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den tartarischen Reitern gefangen.

Es gab für ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen, die große Landstraße. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hölzchens hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken, wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines Bootes zu überfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln sollte, zu durchschwimmen, – das war es, was Michael Strogoff versuchen und wagen mußte.

Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes, vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zögern, er ging an’s Werk.