Der Verlauf der Ereignisse war also kein günstiger, und die kaiserliche Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrängt, – mindestens für den Augenblick, denn früher oder später mußte es den Russen ja wohl gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die räuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche Einfall sich über das empörte Land entweder nach den Provinzen im Westen, oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens zu besetzen, so mußte sie wohl, bei den mangelhaften Kräften zu ihrer Vertheidigung, den Tartaren in die Hände fallen, und bevor es dann möglich wurde, sie diesen wiederum zu entreißen, blieb der Großfürst, der Bruder des Kaisers, den Rachegelüsten Iwan Ogareff’s preis gegeben.
Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last so vieler Prüfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten? Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung für verfehlt, die Ueberlieferung seines Mandats für unmöglich an?
Michael Strogoff gehörte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte er noch immer, sein Incognito [pg 2-3] war noch unverletzt. Gewiß befand er sich unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh daher trieben; aber mit der Annäherung an Tomsk kam er auch Irkutsk näher, und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurück.
„Ich werde noch ankommen!“ wiederholte er sich immer wieder.
Seit jener Affaire bei Kolyvan drängte sich seine ganze Lebenskraft zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den Soldaten des Emirs entrinnen würde? – Das wollte er sehen, wenn der passende Zeitpunkt da wäre.
Feofar’s Feldlager bot einen prächtigen Anblick. Zahllose Zelte aus Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehörten den Seids und den Khodjas, den vornehmsten Männern des Khanates, an. Eine besondere Flagge, mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem kunstvoll geordneten Bündel rother und weißer Stäbe erhob, bezeichnete den hohen Rang dieser Tartarenhäuptlinge. Weit über Sehweite hinaus erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, „Karaoys“ genannt, die auf dem Rücken der Kameele mitgeführt wurden.
Das ganze Lager zählte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fußvolk als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan, zuerst die Tadjiks mit ihren schönen, regelmäßigen Zügen, weißer Hautfarbe, schwarzen Augen und [pg 2-4] Haaren und dem hohen, mächtigen Wuchse, – die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und Kunduz nahezu ein gleich großes Contingent wie Bukhara geliefert hatten. Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stämme, welche entweder in Turkestan seßhaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem Barte, ganz ähnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff’s ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der Kalmücken ähnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft führte, ein anderer mit dem Säbel, einem Luntengewehre und dem „Tschakane“, d. i. eine kurz gestielte Axt, welche leicht tödtliche Wunden verursacht, ausgerüstet erschien. Dazu mittelgroße Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in einen Zopf geflochten auf den Rücken hinabfiel, mit rundlichem, sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder sehr spärlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrämte Nankingstoffe, geschmückt mit Ledergürteln, mit Silberschnallen, Schnürstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mützen, von denen nach rückwärts drei Bänder hinausflatterten. Endlich sah man auch tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schönen semitischen Racen und Turkomanen mit engen gedrückten Augen, an denen die Lider ganz zu fehlen schienen, – Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs, einer Fahne von Mordbrennern und zerstörungssüchtigen Horden.
Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch [pg 2-5] eine gewisse Anzahl Sklavenhaufen, vorzüglich Perser, welche von eingeborenen Anführern befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschätzt wurden.
Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkäppchen, und endlich darunter gemischt noch Hunderte „Kalender“, eine Art religiöser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdürftig bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollständigen Vorstellung des fast unübersehbaren Gemisches der verschiedenen Völker und Stämme gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.
Fünfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in Knoten geknüpft, deren Rücken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren, unterschied man die feingebauten, großen Turkomanen mit glänzendem Haar und stolzer Haltung; die ausdauernden, kräftigen Usbecks; die Khokhandiner, welche außer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze Kücheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels „Arkan“, d. i. der Lasso der Tartaren, einfängt, und endlich viele andere Abkömmlinge gekreuzter Racen von geringerem Werthe.