— Und was thun wir, wenn wir frei sind?
— Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner überzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflüchtig werden! Wir stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glück gehabt, im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, – ich habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwärts! Vorwärts! – Ach, schön, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser, mehr bedarf es nicht, um einen Engländer wieder auf die Beine zu bringen. Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!“
Und während Harry Blount der Ruhe genoß, wachte Alcide Jolivet an seiner Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter, gewiß zur größten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Männer an einander geknüpft und sie weiterer Eifersüchtelei enthoben.
Was also Michael Strogoff vor Allem fürchtete, gerade das wünschten die beiden Journalisten sehnsüchtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff’s mußte für diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft eines englischen und französischen Correspondenten erst festgestellt war, mußten sie höchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der Stellvertreter des Emirs würde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es dessen Charakter auch entsprochen hätte, die Gefangenen einfach als [pg 2-15] Spione abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s lief also dem Michael Strogoff’s direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den früheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annäherung an die alten Reisegefährten sorgfältig vermeiden ließ. Er richtete sich also möglichst so ein, daß Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.
Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veränderung der Sachlage. Von der Aufhebung des Lagers hörten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden strengstens überwacht. Es wäre thatsächlich unmöglich gewesen, den Cordon von Fußvolk und Reitern, der sich um die Hürde schloß, zu durchbrechen. Die ihnen gebotene Nahrung schützte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stück auf Kohlen geröstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem „Krut“ genannten Käse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch geweicht die gewöhnlich „Kumiß“ genannte Speise der Kirghisen darstellt. Das war Alles. Hierzu kam, daß die Witterung wahrhaft abscheulich wurde. Heftige Störungen in der Atmosphäre führten stürmische Winde mit Regenschauern herbei. Schutzlos mußten die Unglücklichen diesen ungesunden Witterungswechsel aushalten, ohne daß man ihre Leiden irgendwie zu mindern gesucht hätte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei, deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mußten, da ihre Peiniger jenen sogar ein Grab verweigerten.
Während dieser harten Prüfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nützlich und waren zu jedem Dienste bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. [pg 2-16] Da sie früher keinen harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kräftig waren, so widerstanden sie auch den jetzigen üblen Einflüssen besser und konnten sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nützlich erweisen, welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.
Sollte dieser Jammerzustand länger andauern? Wollte Feofar-Khan, befriedigt durch die ersten glücklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor er auf Irkutsk marschirte? Man hätte das wohl befürchten können, es kam indeß anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte, von Michael Strogoff so gefürchtete Ereigniß trat am Morgen des 12. August wirklich ein.
An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich langsam über der Straße von Kolyvan dahin.
Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das Lager der Tartaren.