Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei … Er gewann aber genug Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte compromittiren können.

Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!…

Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte sich.

Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie zurück und raunte ihr in’s Ohr:

„Bleib’ hier, meine Tochter!

— Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er lebt, Mutter! Er ist es!

— Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir darin, meine Tochter!“

Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun, wer er war? Nein, denn er hatte Marfa [pg 2-45] Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt.

Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte, seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war, hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen, an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt zurück ließ.

Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene, trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s, beobachtet wurden.