Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.

„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.

Nach einer Pause fügte er dann hinzu:

„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.

— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.

— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!

— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.

— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.

— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.

— Sprich, Nadia!