Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.

Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden hätten.

Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff [pg 2-147] und Nadia. Das junge Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.

Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.

Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.

Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst abreisten.

Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.

Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze [pg 2-148] trug er auf dem Kopfe und zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung nach der offenen See zu hindern.

Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.

Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von Troïtsa, die des heiligen Antonius und des [pg 2-149] heiligen Theodosius in Kiew, der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach Irkutsk.