Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.
Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst [pg 2-152] in ihrem Hafen überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt Ostsibiriens zurückgezogen.
Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.
Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.
Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, der verwundert den Kopf emporrichtete.
„Was hast Du, Nadia? fragte er.
— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.
— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural begegneten?
— Dieselben.“
Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.