Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige [pg 2-170] Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.
Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.
An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.
Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.
Was nun?
In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.
„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.
Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael Strogoff’s Hand.
„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“
Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.