Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff auch hier treu zu bleiben.

Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.

„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine bequemere Fahrgelegenheit gesucht.

— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.

— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.

— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das junge Mädchen. Wenn [pg 1-111] Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“

Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen war, d. i. der russische „duga“; die beiden andern waren einfach mittels Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. Von Zaum und Gebiß keine weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.

Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.

Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen Hut, rothen [pg 1-112] Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit dem kaiserlichen Abzeichen.

Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine nicht mißzudeutende Bewegung.