Von den »drei Stücken« jener Sendung war der Findling der jüngste, nur zwei Jahre neun Monate alt. Brünett, mit leuchtenden Augen, die auf erwachende Energie schließen ließen, wenn sie der Tod nicht vorzeitig schloß, zeigte er eine kräftige Constitution, wenn die Pestluft dieser Hütte, die unzureichende Nahrung diese nicht erschütterten und ihm dafür eine Rhachitis zuführten. Jedenfalls sollte dieser Kleine, der eine ungewöhnliche Lebenskraft besaß, allen Schädlichkeiten einen merkwürdigen Widerstand entgegensetzen. Immer hungrig, wog er freilich nur halb so viel, wie sonst Kinder dieses Alters. Während der langen Winter Irlands immer vor Kälte zitternd, trug er über seinem zerrissenen Hemd nur ein Stück alten gerippten Sammet, in das für die Arme einfach zwei Löcher geschnitten waren. Trotz der bloßen Füße trabte er ruhig seines Weges. Schon die geringste Sorgfalt hätte dieser Natur gewiß schnell Kräfte gegeben, die sie später in Intelligenz umgesetzt hätte. Doch wo sollte er diese Sorgfalt finden?
Das jüngste der kleinen Mädchen lag an einem schleichenden Fieber danieder. Das Leben entwich aus ihr, wie das Wasser aus einem gesprungenen Gefäße sickert. Sie hätte Arzneien gebraucht, doch diese sind theuer; hätte einen Arzt haben müssen, doch wo wäre ein solcher bereit gewesen, von Donegal aus so ein armes gottverlassenes Geschöpfchen zu besuchen? Die Hard machte sich hierüber also keine Sorge. Starb die Kleine, so »lieferte« ihr das Armenhaus einen Ersatz und sie büßte nichts von den wenigen Schillingen ein, die für sie vielleicht noch abfielen.
Da im Rindoker Bache aber kein Gin, kein Whisky oder Porter floß, nahm die Befriedigung der Leidenschaft dieser Trunksüchtigen freilich den größten Theil des erhaltenen Pensionsgeldes in Anspruch. Augenblicklich besaß sie von der Januarzahlung im Betrag von fünfzig Schillingen für jedes Kind und für das ganze Jahr nur noch zehn bis zwölf. Womit sollte sie nun die Bedürfnisse ihrer Pfleglinge decken? Lief sie auch nicht Gefahr, vor Durst zu sterben, da sich in einem Winkel der Hütte noch einige Flaschen versteckt fanden, so drohte doch dafür der Hungertod den Kleinen.
Zuweilen dachte die Hard wohl auch hieran, soweit es ihr von Alkohol vergiftetes Gehirn zuließ. Ein Gesuch um Zuschuß zu dem Pensionsbetrage wäre bestimmt nutzlos gewesen. Es waren zu viel Kinder vorhanden, für die die öffentliche Mildthätigkeit eintreten mußte. War sie gezwungen, ihre Pfleglinge zurückzuschicken, so verlor sie ihren Broderwerb und mußte sie dem guten Gin Valet sagen. Das schnitt ihr ins Herz, nicht aber der Gedanke, daß das arme, kranke Würmchen seit gestern keinen Bissen genossen hatte.
Das Ergebniß solcher Betrachtungen lief immer darauf hinaus, daß sie von neuem zu trinken anfing. Jammerten die Mädchen und der kleine Knabe, so gab es Schläge. Verlangten sie nach Brod, so erhielten sie einen Stoß, daß sie zurücktaumelten. Natürlich konnte das nicht für immer so fortgehen. Für die wenigen Schillinge, die noch in ihrer Tasche klimperten, hätte sie wohl oder übel einige Nahrungsmittel erkaufen müssen, denn Credit hätte ihr niemand mehr gewährt.
»Nein... nein... nein! polterte sie. Die Bettelkinder mögen lieber ins Gras beißen!«
Es war jetzt Mitte October. In der kaum verschlossenen Hütte wurde es schon recht kalt und durch das da und dort mangelhafte Strohdach sickerte der Regen. Der Wind pfiff durch das morsche Gebälk. Das dürftige Torffeuer vermochte keine erträgliche Temperatur zu erhalten. Sissy und Findling drängten sich dicht aneinander, um sich nur etwas zu erwärmen.
Während das Fieber die kleine Kranke auf dem Strohlager schüttelte, schwankte die Megäre trunken hin und her, und vorsichtig wich ihr das Knäblein aus, den sie sonst gewiß umgestoßen hätte. Sissy kniete neben der Leidenden und netzte deren trockene Lippen mit kaltem Wasser. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in den Kamin, worin die schwache Torfgluth zu erlöschen drohte. Auch der Topf stand nicht auf dem Dreifuß. Wozu auch? Es war ja nichts hineinzuthun im Hause.
Die Hard aber knurrte für sich:
»Fünfzig Schillinge!... Dafür soll unsereins ein Kind erhalten! Und wenn ich von den Steinklötzen im Armenhause einen Zuschuß verlangte, da würden sie mich schön heimschicken!«