– Warum sollte denn Carker nicht ein ganz braver Bursche geworden sein können?
– Er?... rief Grip,... er, der Schlingel?... Nein, dann könnte es einem leid werden, ehrenhaft zu sein.«
Kat, der die Geschichte der Verwahrlosten von Galway bekannt war, stimmte mit Grip darin überein, wie überhaupt in allem, bis auf den einen Punkt, daß Kat den Grip stets drängte, das Seefahren aufzugeben, was dieser wieder hartnäckig verweigerte. Mit Ende des Jahres war denn diese Frage auch um keinen Schritt vorwärts gekommen.
Jetzt war der 25. November; es herrschte schon voller Winter. In großen Flocken fiel der Schnee herab, der leichten Federn gleich auf der Erde hintrieb. Es war einer jener eisigen Tage, an denen man am liebsten in der warmen Stube bleibt.
Findling konnte das heute jedoch nicht. Am Morgen hatte er einen Brief eines seiner Lieferanten in Belfast erhalten. Die Ausgleichung einer Rechnung drohte dort einen Proceß herbeizuführen, und Processe soll man in jedem Falle möglichst zu vermeiden suchen. Das war wenigstens die Ansicht O'Brien's, und dieser drängte den Knaben auch, selbst nach Belfast zu reisen und jene Angelegenheit so gut wie möglich persönlich zu erledigen.
Findling mußte ihm Recht geben und beschloß diesem Rathe sofort zu folgen. Es handelte sich ja nur um eine Eisenbahnfahrt von kaum hundert Meilen. Wenn er um neun Uhr abreiste, traf er noch denselben Vormittag in Belfast ein, der Nachmittag mußte genügen, mit seinem Geschäftsfreunde ins reine zu kommen, und vor Mitternacht hoffte er wieder zu Hause sein zu können.
Bei einer so knapp bemessenen Zeit kann ein Reisender den Einzelheiten der Fahrt keine große Aufmerksamkeit schenken. Dazu flog der Zug sehr schnell dahin, einmal längs der Küste und dann wieder mehr im Innern des Landes. Von der Grafschaft Dublin aus durcheilte er die Grafschaft Meath und hielt nur einige Minuten in Drogheda, einem nicht unbedeutenden Hafen, von dem Findling freilich nichts sah, ebenso wenig wie von dem eine Meile davon entfernten berühmten Schlachtfelde von Boyne, das den schließlichen Sturz der Dynastie der Stuart's sah. Weiter rastete der Zug einmal in der Grafschaft Louth in Dunkalk, einer der ältesten Städte der Grünen Insel, wo der berühmte Robert Bruce einst gekrönt wurde. Hierauf gelangte er nach der Provinz Ulster, wo die Grafschaft Donegal unsern jungen Reisenden an sein früheres Elend erinnerte. Nach Durchschneidung der Grafschaften Armagh und Down überschritt der Zug endlich die Grenze von Antrim.
Antrim, das Land des vulkanischen Bodens und der wilden Höhlen, hat Belfast als Hauptstadt; ihrem Handel und ihrer Flotte von drei Millionen Tonnengehalt nach ist das die zweite Stadt Irlands, ebenso durch ihre Einwohnerzahl von fast zweimalhunderttausend Köpfen, durch ihren intensiven, meist auf Lein gerichteten Feldbau, wie durch ihre Industrie, die sechzigtausend Arbeiter in hundertsechzig Spinnereien beschäftigt, und durch ihre wissenschaftlichen Bestrebungen, von deren Bedeutung das Queen's-College Zeugniß giebt.
Belfast liegt an der engen Ausmündung des Laganflusses, von dem ein Canal durch die vorgelagerten Sandbänke führt. Leichtbegreiflicherweise herrschte an einem so gewerbthätigen Punkte, wo die politische Erregung durch die Berührung, oder besser durch den Zusammenprall persönlicher Interessen wach gehalten wird, immer hitziger Streit zwischen Protestanten und Katholiken. Die ersten sind Feinde der Unabhängigkeit, die die andern erstreben. Die einen mit dem Feldgeschrei »Oranien«, die andern mit einem gelben Bande als Erkennungszeichen, kommen sie oft miteinander ins Handgemenge, regelmäßig aber am 7. Juli, dem Jahrestage der Schlacht von Boyne.
Obwohl heute nicht der 7. Juli war und die Temperatur vier Grad unter Null betrug, herrschte in der Stadt doch der helle Aufruhr. Die Parnelliten und die Parteigänger der »Land League« und des Landlordismus waren in bittern Streit gerathen. Der Sitz der »Gesellschaft zur Verbreitung der Leincultur«, an den sich die meisten Fabriken der Stadt anschließen, hatte sogar ganz besonders geschützt werden müssen.