Als die zum Theil zurückgetriebene Menge die Straße etwas frei ließ, beugte er sich über das arme Mädchen nieder. Diese war bewußtlos. Er hob ihren Kopf in die Höhe und wendete das Gesicht dem Lichte einer Gasflamme zu....
»Sissy!... Sissy!« murmelte er.
In der That war es Sissy, die ihn aber nicht hören konnte.
Ohne sich über seine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, hob er die Unglückliche, als ob sie ihm angehört hätte, und wie ein Bruder die Schwester, einfach auf und brachte sie, ohne daß das Mädchen noch wußte, was mit ihr geschah, nach dem nahen Bahnhof.
Als der Zug abfuhr, lag Sissy in einem Coupé erster Classe bequem und noch immer halb bewußtlos auf den Polstern und neben ihr kniete Findling, der sie rief... anredete... sie umarmte....
Nun, er hatte ja wohl ein Recht darauf, Sissy, die Gefährtin seiner Leiden, zu entführen, und wenn sie bei jemand ein Anrecht auf Samariterhilfe besaß, dann war es doch bei diesem Knaben, den sie früher so oft gegen die Mißhandlungen durch die abscheuliche Hard geschützt hatte.
XIII.
Farben- und Standeswechsel.
Am 16. November 1885 gab es in ganz Irland – vielleicht nirgends auf der Erde – eine so große Summe von Glück, wie im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel«.
Sissy ruhte noch im besten Zimmer des Hauses. Findling stand an ihrem Lager. Jetzt hatte sie in ihm das Kind wiedererkannt, das einst durch ein Mäuseloch aus der Höhle der Hard entwichen und das jetzt zum kräftigen, blühenden Knaben geworden war.
Zur Zeit ihrer Trennung von einander zählte sie kaum sieben Jahre, heute war sie achtzehn Jahre alt, doch schien es fraglich, ob sie nach so vielen Anstrengungen und Entbehrungen sich zu dem schönen jungen Mädchen entwickeln würde, das sie zu werden versprach, wenn sie unter günstigeren Verhältnissen gelebt hätte. Seit fast elf Jahren hatten die beiden sich nicht gesehen, und doch erkannte Findling Sissy sofort schon an der Stimme, und auch das junge Mädchen erinnerte sich genau an alles, was den kleinen schwächlichen Knaben von früher betraf.