Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.
»Wo ist Lady Piborne? fragte er.
– In ihren Gemächern, antwortete der Kammerdiener.
– Und der Graf Ashton?
– Er lustwandelt im Parke.
– Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage ihr, ich wünsche die Ehre zu haben, sie baldmöglichst zu sprechen.«
John machte steif auf der Stelle Kehrt – ein stielgerechter Lakei hat sich im Dienste nicht zu verneigen – und verließ streng abgemessenen Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszuführen.
Seine Herrlichkeit Lord Piborne zählt fünfzig Jahre – fünfzig Jahre, die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Verstoß gegen die Ehre des Adels, von keiner Mißheirat befleckten Familie hinzuzurechnen waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses, bedauert er in gutem Glauben das Aufhören vieler alten Privilegien der Feudalzeit, die schöne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgüter und Domänen, der Macht persönlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann ohne Zögern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen ebenbürtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht rühmen kann, steht für ihn auf der Stufe des Bauers, des Bürgers, wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen Welt zu erscheinen. Groß, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen wie erloschen, so sehr sind sie gewöhnt, Mißachtung auszudrücken, im Sprechen karg und trocken, repräsentiert Lord Piborne den Typus jener hochmüthigen Edelleute, die sich in den Hüllen bestaubter Pergamente vergraben und die – glücklicher Weise – selbst in dem aristokratischen Königreiche Großbritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat gesetzt scheinen.
Hierzu ist nachzutragen, daß der Marquis englischer Abstammung ist und daß er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer Herkunft ist, zum Altare führte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz für einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch höher steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne Zweifel ein, daß Gott dereinst erst Handschuhe anlegen würde, um sie in seinem Paradiese nach Gebühr zu empfangen.
Die Thür öffnete sich, und als hätte es sich um den Eintritt einer hohen Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener: