– Nun, wenn man sie einmal nicht verkauft, kann man sie wenigstens selbst verzehren.
– Ei, Bob, Du hast ja schon rechtes Verständniß für den Handel! Es kommt indeß darauf an, gut auszuwählen, was man einkauft, dann wird man das wohl immer mit Nutzen wieder los.«
Hieran dachte unser Held unablässig, und er machte auch einige schüchterne Versuche, die nicht fehlschlugen. Wenn es mit Papier, Bleistiften und Streichhölzchen auch – wegen starker Concurrenz – nicht recht gehen wollte, so hatte er doch bessern Erfolg mit dem Verkauf von Zeitungen, mit denen er sich in der Nähe des Bahnhofs aufstellte. Bob und er sahen so interessant, und vorzüglich so grundehrlich aus, sie boten ihre Waare so geschickt und höflich an, daß nur selten Jemand sich enthalten konnte, ihnen die neuesten Journale, die Coursbücher der Eisenbahnen, oder Fahrpläne und kleine billige Reisebücher abzunehmen. Findling und Bob besaßen jeder einen Kasten, in dem die Zeitungen und Bücher so lagen, daß man die Titel und auch etwaige Illustrationen gut sehen konnte, und auch an Kleingeld, um wiederzugeben, fehlte es niemals. Natürlich verließ Birk seinen Herrn auch hier nie; er mochte sich als Geschäftstheilhaber oder wenigstens als Gehilfe desselben betrachten. Zuweilen lief er mit einem Zeitungsblatt in den Zähnen auf Vorübergehende zu und bot es diesen mit bezeichnenden Sprüngen an. Bald sah man ihn gar mit einem Korbe auf dem Rücken, worin die Preßerzeugnisse schon geordnet lagen und den ein Wachstuchdach gegen gelegentlichen Regen schützte.
Das war ein Gedanke Findlings gewesen, und gewiß kein so übler. Die Käufer mußten ja angelockt werden, wenn sie Birk so ernsthaft, so durchdrungen von der Wichtigkeit seines Dienstes sahen. Da war's freilich mit tollen Sprüngen und mit Spielen mit Hunden aus der Nachbarschaft zu Ende. Wenn solche sich dem gescheuten Thiere näherten, da empfing er sie nur mit dumpfem Knurren, und der vierbeinige Colporteur zeigte den Vorwitzigen die Zähne. In der Umgebung des Bahnhofs sprach man schon überall von dem Hunde der kleinen Händler. Ja man handelte wohl unmittelbar mit ihm. Die Käufer entnahmen dem Korbe das gewünschte Zeitungsexemplar und steckten den Preis dafür in eine Sparbüchse, die an Birks Halse hing.
Ermuthigt durch diesen Erfolg, dachte Findling daran, »sein Geschäft« auszudehnen. Dem Handel mit Büchern und Journalen fügte er noch Streichhölzer, Tabak, billige Cigarren und ähnliches hinzu. In Folge davon trug Birk allmählich einen ganzen Kramladen auf den Schultern. An manchem Tage vereinnahmte er sogar mehr als seine Herrn, die deshalb nicht eifersüchtig wurden – im Gegentheil, Birk wurde vielmehr mit einem guten Futter und mit herzlicher Liebkosung belohnt. Die drei Genossen vertrugen sich vortrefflich, und es wäre ein Glück, wenn alle Familien so einig wären, wie hier der Hund und die beiden Kinder!
Findling hatte an Bob bald gute Anlagen und Wissensdrang bemerkt. Der siebenundeinhalbjährige Knabe, von vielleicht minder praktischem Geiste als sein größerer Bruder, war dafür lustiger und ließ seiner natürlichen Fröhlichkeit gern freien Lauf. Da er weder lesen, schreiben noch rechnen konnte, unterließ es Findling selbstverständlich nicht, ihn bald darin zu unterrichten. Er mußte doch wenigstens die Titel der Blätter angeben und lesen können, die man von ihm verlangte. Die Sache gefiel ihm und er machte schnell Fortschritte. Nach den großen Buchstaben der Titel erlernte er die kleinen im Texte der Blätter. Dann ging's ans Schreiben und Rechnen, was ihm etwas mehr Schwierigkeiten machte. Dennoch überwand er diese schnell. Schon sah er sich als Gehilfe einer Buchhandlung, der den Verkaufsladen Findlings besorgte, welcher in der schönsten Straße von Cork eine weit leuchtende Firma mit »Bookseller« darauf hatte. Er verstand jetzt schon einen guten Verdienst zu machen, und in seiner Tasche befanden sich mehrere wohlverdiente Pence, auch weigerte er sich nicht, ein kleines Almosen zu geben, wenn Kinder bettelnd die Hand ausstreckten. Er erinnerte sich ja zu gut der Zeit, wo er auf der Landstraße hinter den Wagen hergelaufen war.
Seiner angebornen Neigung entsprechend, hatte Findling natürlich jeden Tag Buch und Rechnung geführt, und so und so viel für die Wohnung, für Essen und Trinken, für Wäsche und für Heizung und Licht ausgeworfen. Jeden Morgen schrieb er in sein Notizbuch die zum Einkauf von Waaren bestimmte Summe ein und stellte eine Bilanz mit den Ausgaben und Einnahmen auf. Er verstand bereits recht vortheilhaft ebenso einzukaufen, wie zu verkaufen. In Folge dessen hatte er mit Ende des Jahres 1882 schon ein Dutzend Pfund in der Casse – wenn er eine Casse besessen hätte. Dafür hatte ein wohlwollender Händler, bei dem er gewöhnlich ziemlich viel entnahm, ihm seinen Geldschrank zur Verfügung gestellt, und in diesen wurde jede Woche der erzielte Ueberschuß eingelegt, für den er sogar schon einige Zinsen erhielt.
Angesichts dieser durch seine Sparsamkeit und Intelligenz erzielten Erfolge regte sich in dem Knaben bald der gewiß nicht unberechtigte Ehrgeiz, seine Geschäfte zu vergrößern. Das wäre ihm, auch wenn er dauernd in Cork blieb, mit der Zeit wohl gelungen. Er sagte sich jedoch, nicht ohne Grund, daß eine bedeutendere Stadt, z. B. Dublin, die Hauptstadt Irlands, dafür günstigere Aussicht bieten müsse. In Cork laufen ja die Schiffe nur vorübergehend an und der Waarenumsatz ist verhältnißmäßig beschränkt... während Dublin... Dublin lag nur gar so weit von hier!... Doch das war ja zu überwinden. Wenn auch die Möglichkeit vorlag, daß der Knabe dabei den Sperling aus der Hand für die Taube auf dem Dache hingab, wenn er seine Träume für verwirklicht ansah, so kann man es einem halben Kinde doch schwerlich verwehren, zu träumen.
Der Winter war nicht streng, weder in den letzten Monaten des Jahres 1882, noch in den ersten des nachfolgenden Jahres. Findling und Bob brauchten jetzt ja auch nicht mehr unter Leiden und Entbehrungen vom Morgen bis zum Abend auf den Straßen umherzulaufen. Immerhin ist es beschwerlich, mitten im scharfen Winde auf Plätzen und an Straßenecken längere Zeit auszuhalten. Sie waren das indeß von früher Jugend an gewöhnt, und wenn es ihnen auch zuweilen hart ankam, so wurden sie wenigstens nicht krank, obgleich sie sich in keiner Weise schonten. Bei jeder Witterung standen sie Tag für Tag mit dem Morgenrothe auf, kauften dann ihre Vorräthe ein, um diese schleunigst wieder abzusetzen, wozu sich auf dem Perron des Bahnhofs bei Ankunft und Abgang der Züge die beste Gelegenheit bot, und wanderten dann durch verschiedene Stadttheile, während Birk ihren Schaukasten ohne Murren auf dem Rücken trug. Nur des Sonntags, wenn im Vereinigten Königreich alle Städte, Flecken und Dörfer feiern, gönnten sie sich einige Ruhe, besserten die Kleidung aus, räumten zu Hause auf und stellten ihre Dachkammer so sauber wie möglich her, wonach der eine seine Buchführung in Ordnung brachte und der andre sich im Lesen, Schreiben und Rechnen übte. Am Nachmittage gingen sie dann in Begleitung Birks bis hinunter nach Queenstown – zwei wackre kleine Bürger, die nach einer Woche fleißiger Arbeit zur Erholung lustwandelten.
Eines Tages gestatteten sie sich, in einem Boote um die Bai zu fahren, und hier erblickte Bob zum ersten Male das grenzenlose Meer.