Was den Chevalier betrifft, so hatte er Cölestine den Arm gegeben — — und Edmund, dadurch allein gelassen, entging seinem Schicksale nicht: er, der seine Mutter führen wollte, sah plötzlich — — den Grafen Wollheim ihren Platz einnehmen.

„O! O! O!“ schrie dieser mit einer Freude, die sich glänzend auf seinem Gesichte malte: „da hätten wir ihn endlich den Bösewicht — den Undankbaren — den treulosesten aller Freunde und Schüler! — Also so weit ist es mit uns gekommen, daß wir auf Bällen als Paar zu einander treffen müssen. Wir, wir — die den Tanz und die Springerei verachten — außer er würde in Wäldern hinter den Rehen aufgeführt! — Allein schon gut. Ich werde mir das merken. — So voll Wonne mein Herz in diesem Augenblick auch ist — eine Wunde, eine Blessur hat es dennoch erwischt, die nie vernarben wird — und das sind: die letzten 40 Tage, die ich in der Wüste zugebracht habe — — in der Wüste, sage ich, und verstehe unter diesem Bilde die Welt, in so fern es in derselben weder zu trinken, noch zu spielen, noch zu pirschen giebt — was Alles ich, wie bekannt, allein nicht thun kann, sintemalen ich dazu auch meine Schüler und Freunde brauche. — So verhalten sich die Dinge! Ja so! — Und nun sprich, Unglückseliger: was konnte Dich zu solchen Verbrechen gegen Deinen Meister verleiten?...“

Edmund sah sich vergebens nach einem Ausweg um; der Jäger hatte ihn dermaßen gepackt, wie man es etwa mit einem Fuchs, welcher der Schlinge entwischen will, thut; wollte er also kein Aufsehen machen, mußte er dem Alten folgen — und Dieser zog ihn geradewegs in ein Gemach, das nach der Kellnerei führte. —

Nun wissen wir zwar, daß des jungen Mannes Hingebung in letzterer Zeit dem Chevalier von Marsan gegolten, und zwar in jenem Uebermaße, welches wir an dem gutmüthigen Roué bereits kennen. — Indeß, und dies muß zu seiner Ehre gesagt werden, glich er darum doch nicht jenen unbeständigen und undankbaren Leuten, die aus Liebe zur Abwechslung, indem sie das Neue erwählen, des Alten vergessen .... Er hatte seines Freundes Nimrod nicht vergessen — er hatte denselben nur auf einige Zeit in den Hintergrund gestellt: aufrichtig gesagt, weniger aus eigenem selbstständigen Antriebe — als weil er, durch Marsan occupirt, von diesem ununterbrochen absorbirt worden war, was ihm im Ganzen schmeichelte, da er so gut wie jeder Andere sein Stück Eitelkeit besaß — und Marsan war ja ein Glanzpunkt in der Gesellschaft...

Das Entscheidende bestand darin: daß Marsan ihm mehr zu imponiren wußte, als der Jäger. Denn wir haben schon erwähnt: Edmund mußte sich stets an Jemand anlehnen. — Dies war eine jener Naturen, die allein nicht leben können.

— Es wird nach Allem diesen Niemand Wunder nehmen, wenn er erfährt, daß Edmund binnen weniger als einer Viertelstunde mit Leib und Seele wieder seinem alten Mentor gehörte, d. h. mit demselben in einem dunkeln Kellerwinkel (denn diesmal gingen die Edlen direkt in den Keller: sie hatten ja so Vieles nachzuholen) zechte und Trinklieder sang. — Wer oben in den Gemächern gute Ohren hatte, konnte folgende Strophen herauftönen hören:

„Zwei Flaschen wollten einander frei’n,

Die eine, die war leer —

Die and’re war zwar etwas klein —