»Wir sind nicht Nihilisten, wir sind Sozialisten,« sagte er und hätte die Welt zerreißen mögen, die ihr Glück mit Füßen trat. Daß er besser war als sie, sie aber stärker als er, schien beider Unglück. Diese Weltunordnung muß ein Ende nehmen! rief es in ihm.
Er brauchte kein Vaterland und keinen Gott. Sein Herz war groß wie die ganze Welt. Er nannte sich keinen Heiland, er nannte sich einen Aufgeklärten. Er dünkte sich ein König und schrie nach Gleichheit, um lauter Könige um sich zu sehen, damit jede Erdscholle, darauf ein Mensch lebte und strebte, zum Throne würde.
Riese im Ameisenstaat! dachte Laurent. Mit Seufzen und Klagen erobert man nicht die Welt. Genie muß man haben und, um ihr Befreier zu werden, die Verschlagenheit von tausend Tyrannen!
Ihm selbst waren die Menschen der geringste Kummer, doch wenn er jetzt etwas wie Antipathie gegen sie empfand, so hatten das seine russischen Freunde auf dem Gewissen. Was zu viel war, war zu viel. Sie fielen über seinen Schützling her und fraßen ihn auf. Erst hieß es: »Es ist unmöglich, daß Adler ein Schurke ist!« Dann: »Kann sein, daß er einer ist.« Bis schließlich nur eine Stimme herrschte: »Er muß es sein! wir wollen es! Das ist er uns schuldig!«
Klein machte der Handel alt und grau. Er sah seine Brüder mit den Augen der Welt – sein Herz verblutete schier. Sie richtig zu beurteilen und so sinnlos zu lieben – wie konnte das einer auch aushalten?
»Seinen Glauben abschwören ist für die Katze,« jammerte er. »Seine Juden abschütteln gilt's – wer das könnte!«
Die lammherzigen Bursche hatten Mut gegen ihresgleichen – was kümmerten sie fremde Rassen? – und waren erbarmungslos wie blutgierige Wölfe. »Schweigt! schweigt!« bat Klein. »Wir wissen, was wir reden!« brüllten sie. »Eben darum!« flehte jener. So oder so, überspannte Köpfe waren sie alle, und die Sucht, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, schien Familienzug bei ihnen.
Das gehetzte Wild hatte nichts zu hoffen, als auf ein Gericht, darin alle, alle gegen ihn zeugen würden. Dennoch verzehrte ihn die Ungeduld. »Haben Sie Nachricht von Pokuroff?« war seine erste Frage, wenn er bei Laurent Zuflucht zu suchen kam. Er konnte es nicht erwarten. »Noch immer keine Nachricht!« und er verzweifelte.
Der reckenhafte Mann brach zusammen unter der Wucht der Verachtung. Die Gratismahlzeiten bei seinem künftigen Schwiegervater hatten auch aufgehört. Um mit den Seinen nicht brotlos zu werden, mußte ihm dieser seine Thür verschließen, machte aber dadurch brillante Geschäfte. Es wimmelte von Gästen bei ihm. Die Russen krochen aus ihren Löchern. Es ging in den Kampf, zwar nur gegen einen armseligen Kameraden, gleichviel, es war ein ewiges Fest oder vielmehr ein Rüsten zum Fest – alle gegen einen!
Daß sich Adler nicht erhängte, blieb Laurent unbegreiflich. War's nicht genug für ihn, aus Rußland vertrieben zu sein? Doch was ist dir Rußland gegen Trebatschs Restaurant? dachte dieser, das ist dein Mekka, eine Klatschstunde bei Goltschmann für dich Lebenszweck, die Schar deiner Kläger die ganze Welt. Und drücken dir diese hergelaufenen Bursche das Kainszeichen auf, vergebens machen dich dann alle Nationen der Welt zum Ehrenbürger, die Selbstachtung lernst du nimmermehr!