Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na, wir wollen abwarten.«
Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war. Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren immer nur die Frauen gewesen.
»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein – pardon, Fräulein Doktor, sich in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen Kunstverein und einen Regierungsball –«
»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«
Rasch kam sie auf ihr Thema.
Der Präsident erhob keinen Widerstand.
Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die Söhne besuchten die Ritterakademie.
Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.
Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück. »Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.
»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«