An dem Hofe angelangt, erfuhr er von der Herzogin, die nur allein anwesend war, daß ihr Gemahl sich zu einem Nachbarfürsten zur Jagd begeben, so wie, daß Sidonie den Wunsch geäußert habe, ihn zu sprechen. Zugleich theilte sie ihm mit, daß sich dieselbe mit ihrer Gesellschafterin auf einem Gange durch den Garten befände, und stellte es seinem Belieben anheim, sie in gewohnter Weise daselbst aufzusuchen, oder deren Rückkehr im Schloß abzuwarten.
Nichts konnte dem Grafen in diesem Augenblick erwünschter sein, als die ihm gestattete Freiheit, Sidonie aufzusuchen; dankend nahm er dieselbe an und beeilte sich, die von der Prinzessin gern betretenen Wege zu erreichen, überzeugt, sie daselbst zu finden.
Seine Voraussetzung täuschte ihn nicht; bald entdeckte er sie an dem einsamen, nur von wildem Wassergeflügel bewohnten Weiher, ihr Lieblingsort, an dem er oft mit ihr verweilt hatte.
Schon aus der Ferne erkannte er ihr Gewand, das durch die Gebüsche schimmerte und ihm ihre Nähe verrieth. Laut klopfte sein Herz, so laut und ungestüm wie nie, und er blieb stehen, um sich zu sammeln. Dennoch däuchte ihm jeder Augenblick in der Ungeduld, Sidonie zu sehen, unendlich lang, und so kürzte er die Zeit der Sammlung ab und nahte sich ihr mit nichts weniger als zögernden Schritten.
Hatte ihn die Prinzessin an dem heutigen Tage erwartet, oder war es die gesteigerte Sehnsucht nach seinem Anblick, die ihre Sinne außerordentlich geschärft hatte — wer vermag das Seelenleben, namentlich innig Liebender, zu enträthseln — genug, sie errieth seine Annäherung, ehe sie noch seinen leisen Tritt zu vernehmen vermochte.
Erschreckt und zugleich freudig bewegt fuhr sie auf und unterbrach plötzlich die Unterhaltung mit Aurelien, indem sie das Haupt dem Nahenden zuwandte, und kaum hatte sie ihn erblickt, so streckte sie ihm zitternd die Arme entgegen, während sich die Worte von ihren Lippen stahlen: »Endlich, endlich!«
Ehe diese Worte noch verhallt waren, befand sich der Graf bereits an ihrer Seite, hatte ihre Hände ergriffen und blickte ihr mit nicht mehr zu beherrschender tiefer Bewegung in das blasse, schmerzerfüllte Antlitz.
Welche Veränderung hatten so wenige Tage in demselben hervorgerufen! — Wie ein vom Sturm geknicktes Rohr erschien die kurz vorher noch so lebensvolle, elastische Gestalt, schwach und hilflos.
Mit unendlich traurigen Augen, aus welchen jedoch auch zugleich volle liebende Hingebung sprach, schaute sie ihn an, seine bebenden Hände mit ihren feinen Fingern fest umfassend, und fragte in einem, des Grafen Seele schmerzvoll durchschneidenden, wehmüthigen Ton: »Sie wissen, Graf?« Dieser, keines Wortes mächtig und bemüht, das bebende Mädchen vor dem Niedersinken zu hüten, bejahte nur durch geringes Neigen des Hauptes.
Da erhob sie plötzlich das Antlitz zu ihm auf, schaute ihm mit unendlicher Liebe in die Augen, und rief in ausbrechendem Schmerz der Verzweiflung und unter einem ihren Augen entstürzenden Thränenstrom: »O, retten Sie mich, retten Sie mich!«