Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte, sie gleich: »Wenn alle Linien aneinandergeknüpft würden, umgürtelten sie die Erde siebenunddreißigmal« und keiner widersprach. Denn woher hatte sie es? Und ebenso mit den Gestirnen und entlegendster Geographie und was Professoren so aushecken. Das ist ja das Schöne bei Wissenschaft: Wer kann sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Erdball? Wer streut den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen Braten wiegt man nach. Obst ist schon schwieriger. Geflügel geht nach Gutdünken, aber Wissenschaft ist gänzlich Vertrauenssache.

Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlichkeit ins Wanken gebracht. Wir waren zusammen in dem Chemie- und Instrumentengebäude. Herr Brauns führte uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebäude und nicht, was drin ist. Nein, aber das Licht, das uns aufging.

Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als Ungermann's Neffe freundlich empfangen. Wirklich ein lieber Mensch, man meint nach einer Viertelstunde, man hätte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch und klar ist sein Wesen. Und so hübsch. Jung und breitschultrig, ein Körper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert und es mit dem Tag aufnimmt, was er auch bietet. Dabei leicht in der Bewegung und deshalb steht ihm die Höflichkeit so gut, so ungezwungen.

Ich gehe hauptsächlich nach den Augen. Blicke ich forschend hinein und sie antworten mit sonnigem Lächeln, weiß ich, da drinnen steht das Paradies der Kindheit noch in Blüthe. Sind die Augensterne verschleiert, weichen sie aus und senken sich die Lider, dann ist der Garten des Herzens nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl Schierling.

Eine ältere Frau darf einem jungen Mann in die Augen schauen, jungen Mädchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es aber doch — gerade so wie Ottilie — und wenn sie einen Blick in den Rosengarten gethan haben, vergessen sie ihn nie wieder und träumen davon bei Tag und bei Nacht und versäumen alles andere, die Wissenschaft und das Häusliche und sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten unter den Rosen hinzuknieen in anbetender Seligkeit.

Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlüsselchen zu dem Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es ihm an. Er wurde noch einmal so hübsch in Ottiliens Nähe, die Wangen rötheten sich tiefer, die Augen strahlten und lächelndes Glück öffnete die Lippen, daß sie auch ohne Worte redeten.

»Ein Paar wie gemalt,« mußte ich mir eingestehen, wenn ich sie nebeneinander sah, »und ein goldener Rahmen dazu,« denn er kann ihr eine glänzende Zukunft bieten. Und nun darf sie ihm nicht sagen, wie sie ihn liebt und muß ihn abweisend behandeln und darf den Schlüssel nicht nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschließt, weil es dem unglückseligen Kriehberg erging wie dem vielgenannten Cäsar: — sie kam — er sah und wurde gefangen Und nun hackt er.

Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, weil sie auf mich nicht hören wollte und Tante Lina so lange ehestiftete, bis die Kiste vernagelt war.

Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rückt ihre nicht heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns sieht, plagt ihn die Eifersucht und er drängt auf Verlobungskarten.

»Ich beauftrage sie nicht,« sagte ich. »Sie können doch unmöglich als >Stellesuchender< darauf prangen?«