»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge dorthin sind mit Tausenden von Lämpchen behangen, bei Tage wie die größte Eiersammlung der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie früher bei Kroll. Ist das Wetter schön, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch das Spreewaldgehöft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze gelangen...«
»O, pfui!«
»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist kleinstädtische Geziertheit.«
»Aber ich hasse todte Katzen.«
»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bürgerbräu-Ausschankes in Bauernmanier, und kletternder Weise am Vorgiebel angebracht, also durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend für den Volksmund, der stets mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.«
Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurückhält und dadurch zum Stein des Anstoßes wird, ja ich hielt es für Pflicht, bändigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's letztem Abreißkalender schreibt: »Wenn wir die Menschen nur nehmen wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.« — Unser vorjähriger war mit Speisezetteln versehen, aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprüche und Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die Dichter und dergleichen.
Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, daß sie Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für ein Arbeitsfeld. Oder hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschläge einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen Kräften thätig zu sein und dafür angemessen entschädigt zu werden, nicht nur durch Kost und Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung, sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe. Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun.
Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste — das kann ich von alleine — sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir.
»Man kann aber auch,« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht abschwenken und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du den Weg?«